22. August 2014
Stimmen zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs – Ein Blick in Missionszeitschriften aus den Jahren 1914 und 1915


Die katholischen Missionen (November 1914)

Les Missions Catholiques (Januar 1915)

Stern von Afrika (Oktober 1914)

Die von den Jesuiten herausgegebene Zeitschrift "Die katholischen Missionen", die 1914 im 43. Jahrgang erschien, nahm erstmals in ihrer Ausgabe vom November 1914 unter dem Titel „Weltkrieg und Weltmission“ Stellung. Der Ton des gesamten Artikels ist durchweg nachdenklich, von Kriegsbegeisterung und chauvinistischem Patriotismus ist wenig zu spüren. So wird bereits drei Monate nach Kriegsbeginn die entsetzlich hohe "Blutsteuer" beklagt: "Hundertausende liegen in den Lazaretten oder ruhen als zerfetzte Leichen in ungezählten Massengräbern. Kaum eine Familie im Lande, die nicht an frischen Gräbern kniet, nicht um Vater oder Söhne trauert."

Ganz konkret werden auch negative Auswirkungen des Krieges auf die Missionen gesehen.

Der ungenannte Autor spricht die bisher friedliche Zusammenarbeit der Missionare aus verschiedenen Nationen in den Missionsgebieten an und stellt die Frage "Wird dies so bleiben? Wir hoffen es. Wer aber die aufregende Kraft eines überhitzten Patriotismus kennt, wird es nicht für unmöglich ansehen, dass wenigstens stellenweise und vorübergehend das bisherige brüderliche Verhältnis gestört und die heiligen Bande gelockert werden, die eine höhere Einheit um die Männer schloss".

Auch die vom Werk der Glaubensverbreitung in Lyon herausgegebene Zeitschrift "Les Missions catholiques" schreibt in ihrer Ausgabe vom Januar 1915 unter dem Titel "La Guerre et les missions catholiques": "Le catholicisme n’a pas de patrie". Um dann allerdings einzuschränken: "Mais les catholiques en ont une, et les missionnaires catholiques ont pour la leur un culte attendri, intensifié par les plus chers souvenirs et les longues absences".

Der Autor befürchtet negative Auswirkungen auf die Mission vor allem auch deshalb, weil die missionarisch aktivsten Länder, nämlich Frankreich und Belgien, am meisten unter dem Krieg litten. Für die Zukunft jedoch, nach einem Ende dieser "Sintflut von Blut" ("ce déluge de sang"), kann man auf eine bessere Welt hoffen, eine Welt, in der der Patriotismus nicht zu Hochmut und Gier führt ("un monde meilleur apparaîtra où le patriotisme ne sera plus fait d’orgueil et de convoitise"). Man kann hoffen auf ein Frankreich, das noch christlicher und noch gläubiger an seine Mission glaubt und auch auf ein deutsches Volk, "libérés de l’hégémonie luthérienne", befreit also vom (protestantischen) Preußen.

Die europäischen Länder sind durch den Krieg in ihren Missionstätigkeiten behindert, Nordamerika wird diese Lücke ausfüllen, so das Fazit mehrerer Zeitschriften. Während dies bei "Les Missions catholiques" ohne Bewertung festgestellt wird, kommentiert Erzabt Norbert Weber O.S.B. (1870-1956), St. Ottilien, in der ersten Ausgabe des Jahres 1915 der "Zeitschrift für Missionswissenschaft" dies so: "Amerika wird den günstigen Moment der augenblicklichen Lage ausnützen und gerade durch eine noch nachhaltigere Förderung der Missionen seinen politischen und wirtschaftlichen Interessen in Ostasien Vorschub leisten".

In vielen Kommentaren wird auf das Problem der Glaubwürdigkeit hingewiesen, wenn die christlichen missionierenden Länder Europas sich in einem Krieg ungekannten Ausmaßes gegenseitig bekämpfen. "In einem großen Teile Afrikas hat der Krieg […] die Autorität der Weißen tief erschüttert. Die Eingeborenen, die bisher nur wenig Gelegenheit hatten, nationale Unterschiede zwischen den Weißen festzustellen, müssen sehen, wie sich die Europäer bekämpfen und zwar in einem Kriege, der in den früheren Eingeborenenkämpfen […] kein Analogon an Bitterkeit und Blutvergießen hat", so Erzabt Norbert Weber O.S.B.

Und im "Stern von Afrika", herausgegeben von der Deutschen Provinz der Pallottiner, heißt es im November 1914: "Missionare der verschiedenen Nationen werden zweifellos […] gezwungen sein, gegeneinander zu Felde zu ziehen und so die Lehre des Evangeliums vom Frieden und der Liebe unter den Menschen scheinbar Lügen zu strafen." Die Missionare fehlen als Folge in den Gemeinden und dann wird sich zeigen, "ob sie ohne Lehrmeister dem Wahren und Guten treu bleiben werden, oder ob nicht das hässliche Beispiel unchristlichen Haders zwischen den christlichen Mächten ihre Wertschätzung des hl. Glaubens selbst untergräbt". Die deutschen Missionsorden hatten das Problem, dass durch die Kriegsgeschehnisse meist kein Kontakt mehr zu den Missionaren bestand, so auch bei den Pallottinern nach Kamerun: "Kein Schiff, kein Brief bringt uns Kunde, kein ermatteter Glaubensbote kann zurück, keine Hilfe ist für unsere Missionare von den deutschen Gauen her zu erwarten".

In der Oktober-Ausgabe vom "Stern von Afrika" wird sogar die grundsätzliche Frage nach der Legitimität der Werbung für die Mission in Zeiten des Krieges gestellt: "Es mag manchem vielleicht verwunderlich erscheinen, dass der "Stern von Afrika" in solcher Zeit noch zu kommen wagt und Interesse für das hl. Werk der Glaubensverbreitung heischen will." Der nicht namentlich aufgeführte Autor kommt aber zu dem Schluss, man müsse "auch auf dem Felde der Missionshilfe den Ruin aufhalten, wo immer es geht, und das Bestehende durch die harte Periode hindurchführen". Durch Einschränkungen und materielle Sorgen in Kriegszeiten finde zwar "nicht jede Hand [...] noch das Almosen für den Missionar". Aber niemand hindere am "Almosen des Gebetes", das die Missionen gerade in diesen schweren Zeiten so nötig wie nie haben.

Die protestantische "Allgemeine Missions-Zeitschrift" schreibt in ihrer Januarausgabe 1915 über die Haltung zur Mission nach Kriegsausbruch, dass "die Missionsgemeinde sich schnell wieder auf ihre Missionspflicht besann und trotz der aufregenden Kriegsnachrichten Missionsberichterstattung begehrte, trotz der unerhörten Opfer der Notzeit auch Missionsgaben willig darbrachte". Große Ernüchterung und Sorge herrscht im Hinblick auf internationale Missionsbewegung. Im selben Artikel beschreibt der evangelische Missionswissenschaftler Julius Richter (1862-1940) die Auswirkungen des Krieges auf die große Missionsbegeisterung, die mit der Edinburgher Weltmissionskonferenz 1910 in der protestantischen Welt entfacht werden konnte. Überall war missionarische Aufbruchsstimmung zu spüren und nun "hat uns dieser fürchterliche Weltkrieg das Konzept gründlich verdorben". Mit der Konferenz von 1910 traten die protestantische missionierenden Länder endlich aus dem Schatten Großbritanniens, das in Europa, so Richter, seit Mitte des 19. Jahrhunderts "unbestritten die Führung in der evangelischen Mission" innehatte. Weiter schreibt Richter ganz in der Sprache der Zeit: "Und nun hat die frivole englische Kriegserklärung mit rauer Hand die Bande zwischen der deutschen und der englischen Christenheit zerschnitten".

 

Diese wenigen Schlaglichter können einen ersten Eindruck vermitteln, wie in der konfessionellen missionarischen Presse auf den Kriegsausbruch vor einhundert Jahren reagiert wurde. Viele Autoren blieben der patriotischen Sprache der Zeit verhaftet. Dennoch ist von einer Kriegsbegeisterung wenig bis gar nichts zu spüren, vielmehr die Sorge um die Missionsbewegung und um das, was in den letzten Jahrzehnten in den Missionsgebieten aufgebaut werden konnte.

Weiterführende Literatur zum Thema Erster Weltkrieg finden Sie in unserer mikado-Bibliothek hier. In der Bibliothek haben wir natürlich noch weit mehr Zeitschriften aus dieser Zeit als die im Artikel erwähnten. Wenn Sie zum Thema Missionsgeschichte weiter recherchieren wollen, können Sie unsere Bibliothek gerne besuchen.


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