14. März 2016
Schwester Nazek Matty berichtet über ihre Arbeit im Flüchtlingslager im Irak


Schwester Nazek Matty

Übersichtskarte IRAK

Während dieser hektischen Zeit in meinem Leben in der christlichen Gemeinde habe ich das Gefühl, dass ich mich heute den MWI-Spendern und -Stipendiaten einmal mitteilen muss. Es ist ein Wort der Dankbarkeit für die Spender und ein Wort, um die Stipendiaten zu ermutigen, die derzeit ein Stipendium bekommen und hoffen, dass sie bald ihren Gemeinden dienen können.

Da ich selbst ein Stipendium von einer so ausgezeichneten Institution wie dem MWI und so die Möglichkeit bekommen habe, an der angesehenen Universität von Oxford zu studieren, dachte ich mein Weg zu Erfolg, Frieden und Wohlstand sei um einiges direkter, als das, was ich zurzeit erlebe. Und mir kommen derzeit viele Fragen, denn egal wie viel wir studieren, die Realität in so einem abgewrackten Ort wie es der meine ist, wirft viele Fragen auf: Wie kann ich zu meiner Gesellschaft beitragen? Was kann ich nun mit all meinen Bemühungen, dem Geld und der Zeit machen, die ich in meine Studienjahre gesteckt habe? Wie kann ich andere Menschen an dem, was ich gelernt habe, teilhaben lassen?

Es ist nicht schwer zu verstehen, in was für einer Gemeinschaft ich lebe. Es ist eine durch Krieg, Hass und Gewalt vollkommen ausgemergelte irakische christliche Gemeinde, entwurzelt und vertrieben. Es ist eine Gemeinde, die nicht mehr daran glaubt, im Irak bleiben zu können. Wie kann ich diesen Menschen helfen, die denken, dass sie das Land verlassen müssen? Wie kann ich zu den Menschen über die Bibel sprechen, die über Nacht alles verloren haben? Wie kann ich ihnen von der Exegese und der biblischen Interpretation erzählen, wo sie selbst unter unhygienischen Bedingungen in einfachen Behausungen leben? Wie soll ich eine Intellektuelle unter diesen Menschen sein, die einfach nur überleben wollen? Wie soll ich Gespräche über Gott mit ihnen führen, während sie dabei sind, ihre Papiere und Sachen zu packen? Allgemein gesagt, wie kann ich zum Frieden in dieser Gesellschaft beitragen? Für eine kurze Weile mag man meinen, dass eine höhere Ausbildung in Theologie unter solchen Umständen nicht gebraucht wird.

Ja, es ist wirklich ermüdend und hoffnungslos! Aber ich glaube, dass es dennoch möglich ist, dass die Menschen von dem, was ich gelernt habe, profitieren können. Und in diesem Sinn arbeite ich und versuche, meiner Gemeinde zu helfen.

Die meisten Menschen im Mittleren Osten berichten das, was in ihrem Leben passiert, Gott, genau wie es die Menschen in der Bibel tun. Ob sie durchkommen oder nicht, sie wenden sich dem Herrn zu und beten. Meine christliche Gemeinde im Irak ist da keine Ausnahme. Nach der Eroberung der ISIS und nachdem man diese Katastrophe überstanden hatte, fragten die Menschen immer: Warum hast du uns aufgegeben, Herr? Wirst du uns wiederherstellen? Bis wann werden wir gedemütigt und entehrt?

Diese Schreie und Gebete haben mir irgendwie geholfen, mich zu entscheiden, dass ich helfen kann. In solchen Krisenzeiten und nachdem man Essen und Hilfe bekommen hat, benötigen Menschen Antworten auf ihre Fragen. Sie müssen wissen, dass Gott niemals die Kirche verlässt. Wir müssen nur noch einmal überdenken, wie wir Gottes Willen verstehen. Das ist es, was ich versuche, den Menschen beizubringen. Ich gebe Kurse am Babel College in Erbil, einer katholischen Fakultät für Seminaristen und Laien, wo ich biblische Geschichte lehre und ich bin in einer Ausbildungsklasse für Lehrer, um ihnen beizubringen, wie man Kindern die Bibel lehrt, während sie sich auf ihre Erstkommunion vorbereiten. Zudem halte ich öffentliche Reden in Kirchen.

Der andere Weg, den Menschen nah zu sein und ihren Gedanken zuzuhören ist meine Arbeit im Flüchtlingslager: ich bringe ihnen Handarbeiten bei, helfe ihnen ihre Zeit zu nutzen und dabei ein kleines Einkommen zu erlangen. Das hilft auch mir, ich bringe ihnen das, was ich gelernt habe, auf eine einfache Art bei.

Es ist mir klar, dass weder ich noch meine Ordensgemeinschaft die Probleme unserer christlichen Gemeinschaft im Irak lösen kann. Was der ISIS getan hat, liegt jenseits unserer Kapazität, es zu verstehen. Aber ich glaube, dass wir dazu beitragen können, diese verletzten Menschen zu heilen. Meine dominikanischen Mitschwestern haben überlegt, wie man einen Ort für diese Menschen, besonders für die Kinder und Frauen, die Opfer geworden sind, finden kann, um sie zu stärken. Neben der Betreuung der Flüchtlinge in den Lagern, bereiten die Schwestern deswegen die Kinder auf ihre Erstkommunion vor.

Zudem haben sie eine Grundschule mit etwa 460 Schülern, Mädchen und Jungen, alles Binnenflüchtlinge, eröffnet. Sieben von unseren dominikanischen Schwestern arbeiten in der Schule mit weiteren Lehrern und Verwaltungshelfern, ebenfalls Binnenflüchtlingen. Der Schulbesuch an unserer Schule ist kostenlos. Die Menschen sind dankbar und glücklich über das Projekt, da die Bedingungen der anderen Schulen tatsächlich miserabel sind. Aufgrund der großen Anzahl an Binnenflüchtlingen, haben manche Schulen drei Schichten pro Tag, jede Schicht ist für eine andere Gruppe von Schülern, wobei die Anzahl pro Klasse teilweise mehr als 80 Schüler beträgt.

Die Schwestern haben es auch geschafft, einen Kindergarten für Binnenflüchtlinge zu eröffnen. Die Familien geben gerne ihre Kinder in die Obhut der dominikanischen Schwestern. Es sind bereits 440 Kinder im Kindergarten in Ankawa.

Was immer wir auch tun, was immer wir erreichen, es gilt besonders den Flüchtlingen. Wir möchten, dass sie Gottes Fürsorge und Liebe spüren.


50 Jahre MWI

Seit 50 Jahren begleitet das MWI mit seinen Partnern und Unterstützern die jungen Kirchen in Afrika und Asien auf ihren Weg in die Zukunft. Wir unterstützen sie in der Ausbildung ihrer Führungskräfte und teilen mit ihnen Visionen einer gemeinsamen Zukunft.

Prof. Dr. Harald Suermann, Direktor des MWI
Ihre Glückwünsche