12. März 2015
Interview mit Sr. Maria Liu über ihr Studium in Deutschland, ihre Rückkehr in ihre Heimat und ihre neuen Erfahrungen


Sr. Maria Liu im Juni 2014

Sie haben in Deutschland Pastoraltheologie mit einem Schwerpunkt auf Jugendarbeit studiert. Wie wichtig war das Studium in Deutschland für Sie?

Ich habe in Deutschland beinahe 10 Jahre gelebt und studiert. Ich habe vor allem gelernt, meine Arbeit vorauszuplanen. Schon bevor ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich in Pfarrgemeinden gearbeitet. Aber eine gute Planung hatte ich nicht. Ich habe sozusagen planlos gearbeitet.

Wir chinesischen Studenten und Ordensfrauen haben oft gelacht und gesagt „die Deutschen haben einen ‚Papierkopf‘“, aber genau dieser ist jetzt sehr wichtig für mich. Denn nachdem ich zurückgekommen bin, habe ich gemerkt, dass alles, was ich im Studium aufgeschrieben habe, für meine Aktivitäten mit den Jugendlichen sehr wichtig ist.

Haben Sie für die Jugendarbeit besondere Ideen aus Deutschland mitgenommen?

Doch, doch, z.B. die Idee der „offenen Tür“. Diese Idee habe ich in China noch nicht ganz genau umsetzen können, aber ich habe damit angefangen und ich habe sie meinen Mitschwestern mit- und beigebracht. Wir machen jetzt in der Kirche die Türe auf – auch für anderen Jugendlichen, z.B. Ungläubigen oder nicht-christliche Jugendliche. Und auch die kommen sehr gerne zu uns. […]

Gibt es etwas aus der Theorie der Jugendarbeit, was sie besonders wichtig fanden?

Insgesamt möchte ich es so beschreiben: Vorher habe ich mit meinen Mitschwestern den auswendig gelernten Katechismus vorgetragen, aber jetzt haben wir Methoden, es anders zu machen, z.B. „Bibel lesen“ und „Bibelrollenspiele“. Die Jugendlichen können die Inhalte so viel schneller und besser verstehen und auch behalten, anstatt nur auswendig zu lernen. So haben sie auch ein größeres Interesse.

Können Sie beschreiben, was Sie jetzt in der Jugendarbeit machen? Und wie Sie das, was Sie in Deutschland gelernt haben, jetzt umsetzen?

Dazu muss ich erst die Situation hier in meiner Diözese kurz beschreiben: Hier haben wir keinen extra Ort für die Jugendlichen, d. h., wenn wir etwas für die Jugendlichen tun wollen, dann müssen wir vorher eine Gemeinde suchen und den Pastor vorher fragen, ob wir etwas machen dürfen.

Und dann gibt es natürlich noch ein anderes Problem. Die Jugendlichen müssen zur Schule gehen und sie haben viele Hausaufgaben und kommen normalerweise am Wochenende auch nicht nach Hause. Sie leben in der Schule und dürfen nur einmal im Monat nach Hause kommen. Und dann möchten sie natürlich bei Ihren Eltern zu Hause bleiben und nicht zur Kirche gehen. Deshalb müssen wir die Aktivitäten für die Sommer- und Winterferien planen und das höchstens für eine Woche oder zehn Tage. […]

Für einen so kurzen Zeitraum müssen wir vorher gut planen, sonst läuft uns die Zeit davon und die Jugendlichen sagen hinterher, sie haben nichts gelernt und kommen dann nicht wieder. Normalerweise haben wir Katechese gelehrt und auch Bibelteilen gemacht und gespielt, manchmal auch Englischkurse, damit die Jugendlichen gerne kommen. Ansonsten sagen nämlich auch die Eltern, dass ihre Kinder noch zu einem anderen Kurs gehen müssen, denn sie sollen nachher eine gute Ausbildung haben, um einen guten Job zu bekommen. Deswegen müssen wir manchmal auch Englischunterricht geben.

Warum ist es wichtig Jugendarbeit zu machen? Welche Bedeutung hat sie für die Jugendlichen und die Gesellschaft?

Erstens, wenn wir nichts für die Jugendlichen machen würden, würden sie ihren Glauben verlieren. Zweitens, die Jugendlichen haben hier in China natürlich auch Internet und bislang haben sie Informationen über Moral und Ethik nur aus dem Internet bekommen. Jetzt können auch wir den Jugendlichen etwas über diese Themen beibringen. Es gibt immer mehr Jugendliche, die kommen, besonders Mädchen. Sie kommen gerne zu uns und sie fragen dann auch, warum wir Schwestern geworden sind und wie wird leben. Es ist natürlich etwas ungewohnt für die Mädchen. Sie fragen auch. „Wie können wir später Schwester werden?“. Solche Fragen stellen sie uns.

Sie sind also so etwas wie ein Vorbild?

Ja, das kann man sagen. Bis jetzt, bis jetzt, ja (lacht). Und sie sind ja auch überwiegend von der Gesellschaft beeinflusst und haben manchmal Probleme mit der Ethik, beispielsweise, wenn andere Jugendliche etwas machen, warum sollen sie als Christen es nicht auch so machen. Solche Dinge fragen sie uns auch.

Ist das Interesse bei Jugendlichen stark an ihren Angeboten, an religiösen Angeboten, am christlichen Glauben?

Ja, ich bin ja jetzt seit zwei Jahren zurück und ich kann sagen, ja, sie haben Interesse. Ja, unsere Angebote interessieren sie wirklich. Einige kommen auch zu uns, nur um mit den anderen zusammen zu sein, um Gemeinschaft zu erleben, um miteinander Quatsch zu machen. Aber sie kommen.

Mit wie vielen Jugendlichen haben sie Kontakt?

Das ist unterschiedlich. Bei den 10 bis 16-Jährigen sind es etwas über 80 Kontakte und bei den Studenten etwa 60.

Und wir haben ein besonderes Programm: Wenn Jugendliche Probleme haben, dann schreiben sie mir zum Beispiel: „Schwester Liu ich habe ein Problem, ich möchte nicht weiter zur Schule gehen“ und wenn mich die Nachricht erreicht, kann ich sofort antworten.

Durch ein MWI-Stipendium haben die deutschen Katholiken ihre Ausbildung unterstützt. Was meinen Sie? Ist es wichtig und notwendig, dass es auch weiterhin eine solche Unterstützung für andere gibt?

Ja, ich bin sehr dankbar dafür, dass ich in Deutschland studieren durfte. Ich kann natürlich nicht alles anwenden, was ich gelernt habe. Die Situation in China ist eine ganz andere als in Deutschland. Manchmal sind wir nicht frei, zu tun, was wir wollen. Aber es war schon sehr wichtig und sehr hilfreich. Ich kann auch nicht sagen, dass ich alles behalten habe, was ich gelernt habe, aber was ich erlebt und studiert habe, ist ein großer Schatz für mich und meine Arbeit und für die Kirche in meiner Diözese. Und es ist gut, nicht nur die Schwestern und die Priester zu unterstützen, sondern auch Laien.

Ich habe zwei Studentinnen, die mich gefragt haben, wie auch sie Theologie studieren können und wo das möglich wäre. Aber leider gibt es in China solche Programme noch nicht. Aber es gefällt mir, wenn Laien so ein Interesse haben.

Das, was Sie studiert haben, wäre in China so nicht möglich gewesen?

Ja, als Schwester gab es vor dem Jahr 2000 keine Möglichkeit so etwas zu studieren. Für die Laien gibt es das heute auch noch nicht! Ich habe gehört, dass es jetzt Möglichkeiten für Ordensschwestern gibt, a Priesterseminar mit zu studieren, aber genau weiß ich es nicht. Ich habe die Chance bekommen, in Deutschland Pastoraltheologie zu studieren. Vielen Dank dafür!

Herzlichen Dank für das Gespäch!

 

Interview: Jobst Rüthers mit Sr. Maria Liu, aufgenommen während der Chinareise im Juni 2014, überarbeitet durch Dr. Annette Meuthrath, Transkription: Nadine Albrecht


50 Jahre MWI

Seit 50 Jahren begleitet das MWI mit seinen Partnern und Unterstützern die jungen Kirchen in Afrika und Asien auf ihren Weg in die Zukunft. Wir unterstützen sie in der Ausbildung ihrer Führungskräfte und teilen mit ihnen Visionen einer gemeinsamen Zukunft.

Prof. Dr. Harald Suermann, Direktor des MWI
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