20. Dezember 2016
Interview mit dem MWI-Stipendiat Fr. Celso Larracas ofm


Fr. Celso Larracas

Unser Stipendiat Fr. Celso Larracas ofm hat sein Studium der Islamwissenschaften in Rom erfolgreich beendet und kehrt nun in seine Heimatsprovinz in die Philippinen zurück. Er hofft, dass er bald wieder nach Libyen zurückkehren kann, um dort seine pastorale Arbeit fortzusetzen. Er könnte sich aber auch vorstellen nach Saudi-Arabien zu gehen. Es ist sicherlich keine ganz leichte Aufgabe, in Libyen pastoral tätig zu sein, aber es ist zurzeit unmöglich, sich in Saudi-Arabien öffentlich um Christen zu kümmern. Sein Wille, unter den Gastarbeitern, die hier sehr schlecht behandelt werden, tätig zu sein und sich gleichzeitig für ein gutes Zusammenleben von Christen und Muslimen einzusetzen, ist bewundernswert.

In dem kurzen Interview berichtet er aus seiner Sicht über einige Aspekte der aktuellen Lage in Libyen. Aus den Nachrichten wissen wir, wie unübersichtlich die politische Lage ist. Ohne klare politische Strukturen und ohne wirtschaftliche Perspektive wächst die Kriminalität. Gastarbeiter aus den Philippinen, Nigeria und anderen Ländern werden oft Opfer dieser Kriminalität. Katechisten, mit denen er in Sabha, in der Mitte Lybiens, zusammengearbeitet hat, bleiben trotz der großen Gefahr, Opfer zu werden, weiterhin im Land. Sie sind eine wichtige Säule für die kleine christliche Gemeinde in diesem Umfeld.

 

Was können Sie über die aktuelle Situation in Libyen berichten?

Die Situation vor Ort ist zurzeit ziemlich schwierig. Die politische Lage ist nicht ganz klar. Die Menschen wissen nicht, wem sie folgen sollen. Doch das ist nicht das einzige Problem. In Libyen leben viele Ausländer. Die meisten von ihnen kommen von den Philippinen, aus Nigeria und auch einige aus Indien.

In Libyen sind schätzungsweise 2000 Filipinos und Filipinas, die über das ganze Land verstreut sind. Die meisten sind in Tripolis und Bengasi. In Sabha beispielsweise, wo ich arbeite, gibt es viele Muslime aus Nigeria. Sie sind gewöhnliche Arbeiter, die in kleinen Läden arbeiten.

 

Bleiben diese Menschen dauerhaft in Libyen, oder kehren die meisten wieder zurück in ihr Heimatland?

Die meisten von ihnen bauen sich eine dauerhafte Existenz in Libyen auf. Das Problem dabei ist, dass sie keine gültige Aufenthaltsgenehmigung haben. Deswegen werden sie als Schwarzarbeiter eingestellt. Die Libyer machen mit ihnen oft, was sie wollen. Manchmal bezahlen sie kein Gehalt. Die Arbeiter haben keine andere Wahl, als weiterzuarbeiten und darauf zu hoffen, irgendwann bezahlt zu werden.

Ein weiteres Problem in Libyen ist der schlechte Wechselkurs. 1 $ sind ca. 7 libysche Dinar. Zu diesem Thema habe ich ein ganz konkretes Beispiel: Krankenschwestern werden in der Landeswährung bezahlt und bekommen im Durchschnitt 1000-1200 Dinar. Wenn der Wechselkurs richtig schlecht steht, bekommen sie umgerechnet nur 100 $. Wer kann mit so wenig Geld über die Runden kommen? Viele der Krankenschwestern sind Filipinas. Trotz der schwierigen finanziellen Lage bleiben sie. Ohne sie wäre die Arbeit im Krankenhaus, so wie sie ist, nicht möglich. Ich bin sehr stolz auf sie.

 

Wie ist die Beziehung zwischen den Einheimischen und den ausländischen Gastarbeitern?

Viele Lybier haben keinen Job und leben noch von dem Geld, das Ihnen die vorherige Regierung stellte. Das Geld ist zur Neige gegangen, und manche von ihnen leben mittlerweile in Notunterkünften. Viele von ihnen werden kriminell, stehlen Autos und rauben Geschäfte aus. Es herrscht allgemeine Unzufriedenheit, die sie oft an den Zugewanderten auslassen.

Aber grundsätzlich würde ich nicht sagen, dass es Konflikte aus religiösen Gründen gibt. Auch meine Entführung vor zwei Jahren hatte keine religiösen Motive. Denn normalerweise ist ISIS für Entführungen verantwortlich. In Libyen hat ISIS bisher aber nur eine Stadt eingenommen. Eine Stadt im Norden namens Sirte. In Bengasi gibt es auch kleine Gruppen, die radikal sind, aber die Regierung kommt mit ihnen gut zurecht. Ausschreitungen sind eher selten.

 

Wie sieht die pastorale Arbeit ganz konkret vor Ort aus?

Katechisten gibt es eigentlich nur in Sabha. Ich war im August noch dort. Diesmal war es auch einfach dorthin zu kommen, da es mittlerweile eine Zugverbindung zwischen Tripolis und Sabha gibt. Quer durch das Land zu fahren ist einfach zu gefährlich. Schon viele Male wurde der Bus angehalten, und die Mitfahrer wurden gekidnappt. Aber die Katechisten reisen weiterhin regelmäßig in entlegene Regionen, um gemeinsam mit den Menschen zu beten. Meistens gibt es sogar eine Kapelle, in der sich die Gläubigen treffen können. Wenn der Priester kommt, wird die heilige Messe gefeiert.

Neben der ganz normalen pastoralen Arbeit unterstützen wir aber auch eine Schule in Tripolis. Diese Schule wird von Kindern ausländischer Gastarbeiter besucht. Es sind rund 80 Kinder. Die Schule ist eine Kooperative zwischen Eltern, Lehrern und unserem pastoralen Team. Gleichzeitig ist es aber auch eine Kooperative zwischen muslimischen und christlichen Familien. Durch das Zusammenleben beider Religionen entsteht Dialog, in dem man sich austauschen kann. Wenn ich zurück auf den Philippinen bin, dann werde ich erneut an so einer Kooperation arbeiten.

 

Was haben Sie nach ihrem zweijährigen Studium in Rom jetzt vor?

Ich habe vor, wieder für eine Weile auf die Philippinen zurückzukehren. Danach möchte ich aber wieder nach Libyen oder Saudi-Arabien. In jedem Fall ein Land, in dem viele Migranten leben. Ich habe mein Studium in Rom sehr gemocht, aber ich werde keinen Doktor mehr machen, da ich wieder vor Ort aktiv helfen möchte. Besonders am Dialog zwischen Muslimen und Christen möchte ich weiter arbeiten.


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Seit 50 Jahren begleitet das MWI mit seinen Partnern und Unterstützern die jungen Kirchen in Afrika und Asien auf ihren Weg in die Zukunft. Wir unterstützen sie in der Ausbildung ihrer Führungskräfte und teilen mit ihnen Visionen einer gemeinsamen Zukunft.

Prof. Dr. Harald Suermann, Direktor des MWI
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