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Rezensionen zu Band 30:
Gott befreit, Jean-Marc Ela

Jean-Marc Ela: Gott befreit 

Rezension von Achille Mutombo-Mwana

 

Ziel dieses Buches ist es, Wege aufzuzeigen, um den Glauben an den Gott Jesu Christi für Afrika relevant zu machen. Dies ist umso dringender, als die Paradigmen des Christentums westlicher Prägung sowohl im Norden als auch im Süden wirkungslos geworden sind. Der Verfasser verliert keine Zeit mit der Debatte um das Recht auf eine afrikanische Theologie. Mit der Denkfreiheit, die keinem Theologen geraubt werden sollte, fasst er mutig heiße Eisen an. Die Inkulturation, so seine Kritik, trauert Mythen und Riten nach, die den jüngeren Menschen fremd sind. Die Inkulturation wird der afrikanischen Moderne nicht gerecht. Der Gott, der Afrika etwas zu sagen hat, ist der Gott der Befreiung, der Gott des Magnifikats.

Daraus ergeben sich mehrere Themenfelder für die Theologie. Dem jahrhundertlangen afrikanischen Holocaust (Sklaverei, Kolonisierung und Neokolonisierung), der auch theologisch begründet wurde, muss ein Ende gesetzt werden. Die Sakralisierung des totalen Marktes durch die Globalisierungsverfechter ist nicht zum Vorteil Afrikas. Daher muss man dieser Diktatur des Geldes die Stirn bieten. Ein neues Missionsverständnis ist notwendig, wenn das dritte Millennium eine Zeit Afrikas werden soll. Es darf nicht die Aufgabe der Missionsinstitute sein, die Entstehung der Ortskirchen zu kontrollieren. Diese Ortskirchen sind keine Niederlassungen oder Außenstellen europäischer Kirchen. Der Austausch zwischen den Kirchen darf sich nicht auf den Transfer von Personal und Geldern beschränken.

Weniger umfangreich sind die Ausführungen des Verfassers über die ökologischen Fragen. Er thematisiert lediglich die Sünde wider die Schöpfung und betont, dass der Mensch Priester der Schöpfung sein soll. Aus der Tatsache, dass die heutige Welt viele Gesichter hat, das heißt, dass sie pluralistisch und polyzentrisch geworden ist, zieht Ela einige Schlussfolgerungen: Bei der Evangelisierung gehe es nicht mehr um die Zahl der Getauften, sondern um die Zeichen, die gesetzt werden sollen. Man müsse darauf verzichten, als Inhaber der Wahrheit aufzutreten. Jesus von Nazareth erschöpfe nicht den göttlichen Logos. Ausgehend von der communio-Ekklesiologie, die die Kirche als Familie ansieht, und von der konkreten Situation der Kirchen in Afrika, wo der Hunger vieler christlicher Gemeinschaften nach der Eucharistie und anderen Sakramenten nicht gestillt werden kann, plädiert der Verfasser für eine Entsakralisierung der Dienste und Ämter, die dem geweihten Klerus vorbehalten sind, und somit für die Übertragung größerer Verantwortungen auch sakramentaler Art auf die Laien.

In seinem ganzen Buch stützt der Verfasser seine Argumentation auf die Heilige Schrift, die Kirchenväter, das Zweite Vatikanische Konzil, die Afrikasynode usw. Er legt ein umfassendes theologisches Wissen an den Tag. Sicher wird mancher einige Aussagen Elas mit Fragezeichen versehen. Die Denkfreiheit, die er für sich beansprucht, gönnt er aber auch jedem anderen. Eines der Verdienste seines Buches ist aber, dass er Fragen angestoßen hat und Risiken eingegangen ist.

 

Die Rezension ist erschienen in: Nordamerika. Kirche und Mission, Jahrbuch Mission 2004 (Hamburg 2004) S. 243f. 

 

Umschau. Afrikanische Theologie 

Rezension von Claude Ozankom 

 

Welche Bedeutung hat das Evangelium zu Beginn des 21. Jahrhunderts für das südlich der Sahara gelegene Afrika? Genauer: Welche Bedeutung hat die christliche Botschaft eines menschenfreundlichen Gottes für einen Erdteil, auf dem die Menschen unter Armut, Hunger, Dürre, Seuchen aller Art, Krieg, Korruption, Ungerechtigkeit und Unterdrückung usw. leiden?

Dies sind die zentralen Fragen von Theologie und Kirche im gegenwärtigen Schwarzafrika. Für die Erörterung beider Fragenkomplexe ist das neue Buch des renommierten kamerunischen Theologen Jean-Marc Ela wegweisend. Ausgangspunkt der Überlegungen ist eine Situation der Krise, in der sich die theologische Reflexion heute befindet, die der Autor in einer ersten Annäherung als „Problem der Sprache“ bezeichnet. Gemeint ist: Theologie und Kirche müssen in Afrika eine Sprache finden, mit der die Botschaft Jesu Christi die Menschen in ihren heutigen gesellschaftlichen Lebenskontexten wirklich erreichen kann. Damit ist die Forderung verbunden, mit Kommunikationsformen zu brechen, die aufgrund kultureller und zeitlicher Distanz die afrikanischen Hörerinnen und Hörer des Evangeliums in ihrer je konkreten Lebenswelt nicht anzusprechen vermögen. Daraus erwächst die Notwendigkeit einer den Zeichen der Zeit in Afrika verpflichteten Inkulturation, bei der die Beschäftigung mit dem sozio-religiösen Erbe Afrikas, die lange Zeit im Mittelpunkt stand, einer Auseinandersetzung mit dem sich abzeichnenden Wandel in allen Lebensbereichen weichen muss, damit die Rede eines den Menschen nahen Gottes nicht ins Leere läuft. Was hier gefordert wird, ist eine theologische Reflexion, die die Bedeutung der Transzendenz Gottes im Horizont der existentiellen Befindlichkeit des „schwarzen Kontinents“ und im Bewusstsein der Partikularität und Unzulänglichkeit der bisher vom Abendland geprägten Interpretation des Heilsmysteriums neu buchstabiert. Konkret geht es um eine Theologie, die vom bisherigen „ahistorischen“ Diskurs über Gott hin zu einer Rede von Gott als demjenigen zurückfindet, „der in die Geschichte der Menschen getreten ist und für die AfrikanerInnen Partei ergreift, die der Willkür und Manipulation schonungslos ausgeliefert sind. Im Klartext geht es um eine Rückbesinnung auf die Theologie der Befreiung, deren Wiege – allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz – in Schwarzafrika steht, mit dem Ziel, sich das Wesentliche an der christlichen Botschaft anzueignen, „um daraus eine echte Waffe im Kampf um die Befreiung zu machen“ (54). Dazu ist eine Neulektüre von Bibel und patristischer Tradition hilfreich. So zeigt beispielsweise ein Blick in das Exodusbuch, dass ein zentraler „topos“, von dem her die Bibel von Gott spricht, nicht die Schöpfung, sondern vielmehr die Geschichte ist, „ in der sich Gott in der Befreiung seines Volkes offenbart“ (65). Daraus folgt: Das Eintreten für die Armen und Unterdrückten stellt den Kern der biblischen Botschaft dar: „Gott teilt sich in der Geschichte der Befreiung mit“ (65). „Dieses befreiende Handeln hat sich in das Gedächtnis dieses Volkes eingegraben und begründet dessen historisches Bewusstsein“ (66). Im Auftrag Jahwes ergreifen die Propheten stets für die Armen Partei (vgl. Jer 22,15f.). Diese Grundbotschaft der Propheten wird durch Jesus insofern radikalisiert, als er sie „auf das eschatologische Jetzt überträgt, wo jeder Augenblick zum Moment der Befreiung werden kann“ (68). Demgegenüber distanziert sich das Christentum jahrelang nicht entscheidend genug von Strukturen der Ausbeutung und der Unterdrückung. Vor diesem Hintergrund wurde das Christentum vielfach als Phänomen der Gewalt, als Religion des Herrschers angesehen. Infolgedessen muss beim Ansatz einer neuen Freilegung der Botschaft Jesu Christi alles daran gesetzt werden, dass als die zentrale Herausforderung an den Glauben der Kirchen nicht länger das Heil der Ungläubigen, sondern vielmehr die Befreiung der unterdrückten Völker verstanden wird. Gemeint ist: Der Diskurs über Glaubenspraxis und –verständnis reicht nicht mehr aus. Gott ruft sein Volk vielmehr zum Kampf um das volle Sein jener Menschen auf, die unter den Strukturen von Beherrschung und Ungerechtigkeit leiden. Damit ist die Aufgabe heutiger afrikanischer Theologie umschrieben: Sie dient nicht dazu, „die westliche Scholastik tropentauglich zu machen“, vielmehr hat sie im Horizont der von Gott versprochenen Befreiung die Situation der Armen und Unterdrückten theologisch aufzuschließen. Damit ist nichts anderes gefordert als eine kreative Revision der Theologie, die angesichts des zunehmenden Globalisierungsprozesses interdisziplinär artikuliert wird, um den „Geld-Gott zu entheiligen und zu entehren“ (118). Damit wird die theologische Reflexion zu einem unbequemen Denken, das die Art und Weise radikal in Frage stellt, wie der Mensch in Afrika seit der Begegnung mit Europa behandelt wird, und zwar „in immer wiederkehrenden Formen von Gewalt, Völkermord und Unterdrückung“ (119). Eben gegen diesen „totalen Markt“ muss sich der Widerstand von Theologie und Kirche formieren. Konkret: Angesichts der materiellen Armut in den meisten Gegenden Afrikas kann christliche Theologie nicht rein „akademisch“ funktionieren, sondern sie muss vielmehr zur Anwältin der „Stimmlosen“ in den Dörfern und Stadtvierteln der afrikanischen Metropolen werden. Ebenso muss die Theologie die Tricks der expandierenden neuen religiösen Bewegungen entlarven, die dazu tendieren, alles zu „spiritualisieren“ und die Menschen dadurch in eine Art „Lähmungszustand“ zu versetzen. Demgegenüber gilt es, ausgehend vom Glauben an Jesus Christus die Kirche zum Herzstück einer Bewegung zu erheben, welche die Menschen dazu befähigt, Afrika wiederaufzurichten und ihm seine Würde zurückzugeben.

Von hier aus kann die Neuformulierung des Glaubens im afrikanischen Verstehenshorizont anhand von drei Themenbereichen wie folgt präzisiert werden:

- Angesichts des Übergangs von Missionsgebieten zu Ortskirchen müssen sich die Kirchen Afrikas ihrer missionarischen Verantwortung an den jeweiligen Orten stellen, an denen sich die Kirche „inkarniert“. Der so verstandene Evangelisierungsauftrag der Kirche schließt insofern ein hohes Maß an Solidarität mit den Menschen ein, als die sozio-ökonomischen, politischen und kulturellen Probleme vielfach die Herrschaft Gottes in Frage stellen und dazu zwingen, „alles vom Alltag her neu zu betrachten und in den Glauben die fundamentalen Fragen der Existenz einzubringen, damit das Evangelium zum Wort der Hoffnung gerade für die Armen und Unterdrückten werden kann.

- Mit dem Selbständigwerden der Ortskirchen Afrikas steht auch die Theologie der Dienste im Brennpunkt afrikanischer Theologie. Konkret: Der befreiende Gott Jesu Christi kann in diesen Kirchen nur dann glaubwürdig bezeugt werden, wenn es gelingt, ein Kirchenmodell zu etablieren, das eine Eigenkonsistenz hat und „sich gleichzeitig der engen Verbindung zwischen Evangelisierung und Befreiung verschreibt.“ (277f.) Ein Schritt in diese Richtung wurde durch die Afrikasynode getan, indem sie die Kirche als Familie Gottes zu dem für den afrikanischen Kontext angemessenen ekklesialen Modell erhoben hat. Im Kontrast hierzu legt die Synode kein Instrumentarium vor, welches die Entstehung und Förderung einer „partizipativen Kirche“ vorantreiben soll. Dies zeigt sich vor allem daran, dass die sakramentale Sendung der Laien nicht eigens thematisiert wird. Die Folge davon: eine „priesterzentrierte“ Kirche, welche dazu verleitet, einer „Ekklesiologie des Häuptlings“ Vorschub zu leisten und viele Gemeinden dazu zwingt, angesichts des Priestermangels nur „vom Wort allein“ zu leben. Letzteres ist deswegen fatal, weil „die Eucharistie der Ort ist, an dem man erkennt, dass der Mensch ohne das Brot stirbt.“ (327) Genauer: Die Eucharistie, die im Zentrum des Glaubensvollzugs der Kirche steht, ist keine „Frömmigkeitsübung“. Sie ist vielmehr „Zeichen und ständige Anfrage an den Menschen“, „Provokation und Herausforderung“ sowie „Aufruf zum Engagement für die Welt in der Verwirklichung des Planes Gottes.“ (328)

- Schließlich darf die Communio-Ekklesiologie die Kirchen Afrikas keineswegs von der Eigenverantwortung dispensieren. Damit ist ein besonderes Hinhören auf die Zeichen der Zeit im afrikanischen Kontinent gefordert. Zugleich muss eine Pastoral „der schmutzigen Hände“ praktiziert werden, die Engagement und Einmischung bedeutet, auf die Gefahr hin, dass das eigene Leben aufs Spiel gesetzt wird.

 

Fazit  : Mit diesem Buch legt Jean-Marc Ela ein engagiertes „Plädoyer“ für eine afrikanische Theologie vor, die Anspruch auf gesellschaftliche Relevanz erheben kann. Die Orientierung am Thema Befreiung entspricht seinem eigenen theologischen Ansatz. Bei allem Verdienst des Buches stellt sich die Frage nach der besonderen Auszeichnung dieses am Thema Befreiung exklusiv orientierten Diskurses.

 

Die Rezension ist erschienen in: Stimmen der Zeit 8 (2005) S. 567-69.

 

 

Theologie in Afrikas Krise. Ernüchterung und Aufbruch
Sammelrezension von Axel Bernd Kunze

 

Kä Mana: Wiederaufbau Afrikas und Christentum. Afrikanische Theologie für eine Zeit der Krise, Luzern: Edition Exodus 2005, 189 S., € 23,00

Jean-Marc Ela: Gott befreit. Neue Wege afrikanischer Theologie, Freiburg/Basel/ Wien: Herder 2003, 374 S., € 24,90

Andrea Fröchtling/Ndanganeni Phaswana (Hg.): Being (the church) beyond the South-North divide. Identities, othernesses and embodied hermeneutics in part­nership discourses South Africa - Germany (Ökumenische Studien 28), Münster: Lit 2003, 273 S., €19,90

 

Afrika ist alles andere als stabil. Immer wieder sorgen Flüchtlingsbewegungen in Richtung Europa für Schlagzeilen. Vor allem das Leben in Subsahara-Afrika ist durch Flucht und Migration geprägt. Die Ursachen sind vielfältig: Politische, ökonomische oder soziale Gewalt, Diktaturen, Hunger und Umweltzerstörungen vertreiben Menschen aus ihrer Heimat. Meldungen über Schiffsunglücke im Mittelmeer oder aufgegriffene Schleuserboote sind inzwischen zum regelmäßigen Bestandteil der Nachrichten geworden; umstritten ist bis heute der Vorschlag, den Zustrom nach Europa durch Flüchtlingslager auf afrikanischem Boden einzudämmen.

Doch der Hauptstrom der innerafrikanischen, häufig durch Bürgerkrieg verursachten Migration und ihre Schicksale bleiben uns weitgehend verborgen. Die politischen Konflikte Afrikas stehen nicht im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Zwar hat die Kongo-Mission der Europäischen Union, mit der die ersten demokratischen Wahlen seit vier Jahrzehnten in der Demokratischen Republik Kongo abgesichert werden sollen, Afrika hierzulande wieder einmal ins Blickfeld der politischen Öffentlichkeit gerückt. Andere Konfliktherde hingegen, mitunter der Verfall ganzer Staaten wie in Liberia oder Somalia, sind aus den Nachrichten weitgehend verschwunden.

Kä Mana und Jean-Marc Ela haben es unternommen, aus dezidiert theologischer Perspektive auf die Krise Afrikas zu antworten. Angesichts der auch innerhalb der Theologie eher schwach ausgeprägten Stimme dieses Kontinents ist es umso erfreulicher, dass ihre Entwürfe inzwischen auf Deutsch vorliegen. Beide gut lesbar geschriebenen Werke gewähren nicht nur einen Einblick in das theologische Denken des jeweiligen Autors, sondern vermitteln auch einen Überblick über die zeitgenössische theologische Landschaft Afrikas und ihre historischen Wurzeln. Eines fällt bei beiden Autoren auf: die Ernüchterung nach rund vierzig Jahren der Entkolonialisierung und Unabhängigkeit. Kä Mana beispielsweise beklagt an einer Stelle den „Verrat der Träume und Ideale der sechziger Jahre, den die Eliten der Macht, des Wissens und des Besitzes in Afrika begingen".

Der in Europa ausgebildete und in Benin lehrende Professor für Ethik und Philosophie beschränkt sich nicht allein auf Ansätze christlicher Theologie, sondern analysiert auch „parachristliche Spiritualitäten und außerchristliche Theologien". Abgesehen von evangelikalen Erweckungsbewegungen, die in Afrika nicht unerheblichen Zulauf haben, sieht Kä Mana die schwarzafrikanische Theologie in einer Umbruchsituation: Diese sei bisher weitgehend von ihrem abendländischen Ursprung abhängig gewesen - nicht allein in der kolonialen Missionsära, sondern auch noch in der folgenden Phase offensiver Abgrenzung im Zuge der Dekolonialisierung. Heute setze sich zunehmend die Suche nach einer eigenständig geprägten Identität auf Basis afrikanischer Traditionen und Kulturen durch. Berechtigte Kritik übt Kä Mana an Versuchen, dabei auf das (keinesfalls schwarzafrikanische) Ägypten der Pharaonen zurückzugreifen, was letztlich religiös künstlich bleiben muss, oder ein neues gnostisch-esoterisches Christentum zu entwerfen.

Der Autor selbst wirbt mit seinem Buch für eine befreiungstheologisch orientierte, sozial engagierte und kämpferische „Theologie des Wiederaufbaus", die so­wohl Kritik an einer neoliberal dominierten Weltwirtschaftsordnung als auch Selbstkritik am eigenen politischen Versagen Afrikas übt. Im Rückgriff auf die biblischen Schöpfungs- und Exodustraditionen erschließt er das ethische Potential, mit dem eine solche Theologie zur Lösung der afrikanischen Krise beitragen kann: „Für Afrika wird es keinen Ausweg aus der Krise geben, wenn nicht das Humane, wie es im Geschick Christi manifest geworden ist, radikale Brüche auslöst." Kä Mana setzt auf die Kraft christlicher Gemeinden, die den „vom Evangelium offenbarten Anspruch des Humanen" im Dialog mit anderen Denkströmungen sichtbar machen.

Kä Mana vertritt eine konsequente Christozentrik, die der christlichen Theologie Afrikas - wie er mehrfach im Buch betont - bei ihrer Suche nach einer eigen­ständigen afrikanischen Identität nicht verloren gehen dürfe. Eine andere Gefahr darf bei derartigen Suchbewegungen - nicht allein hier - dennoch nicht übersehen werden: die Versuchung, sich einen eigenen Christus zu schaffen. Ob der Ansatz, Christus in erster Linie als „wichtigsten Träger des Humanen" zu verste­hen, allerdings ein ausreichend tragfähiges Fundament bietet, dieser Gefahr zu wehren, muss vorerst offen bleiben. Dafür konzentriert sich Kä Manas Darstel­lung einer Theologie des Wiederaufbaus allzu stark auf deren ethischen Charakter.

Tatsächlich spricht sich der Autor für einen Primat der Praxis „vor einer strengen dogmatischen Orthodoxie" aus. Mit dieser falschen Frontstellung läuft er allerdings Gefahr, in einzelnen Punkten selbst der Versuchung zur Irrationalität zu erliegen, wie er sie Vertretern parachristlicher Theologien vorwirft. Die Bewältigung einer Krise verlangt beides: den Willen zur Veränderung und gedankliche Klarheit, damit auch die richtigen Schritte hierfür getan werden. Kä Mana betont immer wieder sehr stark den ersten Aspekt, was angesichts der politischen und sozialen Probleme zwar verständlich, aber auch nicht ganz unproblematisch ist.

 

Jean-Marc Ela entwirft seinen Ansatz einer afrikanischen Befreiungstheologie im Dialog mit der Tradition europäisch-westlicher Theologie, was auch zusammenhängen dürfte, dass er 1995 aus seiner Heimat Kamerun ins kanadische Exil fliehen musste. Der in Frankreich ausgebildete Theologe und Soziologe setzt auf eine eucharistische Communio-Ekklesiologie, welche die Kirche als „Familie Gottes" begreift und die damit an afrikanische Familien- und Ahnentraditionen anknüpfen kann. Dies darf allerdings nicht unkritisch geschehen. Zurecht weist er daher auf die familienkritischen Tendenzen des Neuen Testaments hin: Die „Familie Gottes" ist ein eschatologisches Ereignis, das gerade nicht die irdische Familie sakralisiert, sondern in der durch den Glauben neu gestifteten Gemeinschaft überbietet. Ferner warnt Ela davor, die afrikanische Familie - vor allem in den Städten - zu idealisieren oder sich romantisierend auf ein Afrika zu beziehen, dass in dieser Form gar nicht mehr existiert.

Im theologischen Selbstverständnis kommt Elas Position deutlich selbstkritischer und weniger antiintellektuell daher als jene von Kä Mana. Ohne rhetorische Beschwichtigung warnt er vor der „theologischen Unterentwicklung" Afrikas: „Es sieht so aus, als gefielen sich die afrikanischen ChristInnen in einem naiven, unkritischen Glauben, und das zu einem Zeitpunkt, an dem wir die Glaubenssicherheit in einer Welt der Unsicherheiten leben müssen, welche die Forschung vorantreiben." Ela plädiert ebenfalls für eine stärkere theologische Selbstverantwortung der afrikanischen Kirche. Doch hält er Versuche, den Glauben aus Sicht einer afrikanischen Theologie neu zu formulieren, nur dann für tragfähig, wenn dies im kritischen (und damit auch korrigierenden) Rückgriff auf die Schrift und die - sowohl lateinische als auch orientalische - Tradition der Kirchenväter geschieht.

Ein Anliegen treibt Ela bei seinen Überlegungen über das ganze Buch hindurch an: den Glauben weiterzugeben und lebendig zu erhalten. Dafür bedürfe es keiner Kirche der Missionen, sondern einer missionierenden Kirche. Dies hat für Ela zwei konkrete Konsequenzen: Der Dienst des Missionars ist eine spezifische Berufung, die auf Kirchenbildung zielt - anders gesagt: Es ist die Berufung, dort anwesend zu sein, wo Kirche sonst nicht anwesend wäre. Diese Berufung wird verfehlt, wo Missionare Hilfs- und Vertretungsaufgaben übernehmen, um dauerhaft Lücken innerhalb der kirchlichen Organisation zu füllen. Zudem plädiert er dafür, die universale Berufung zum missionarischen Handeln als Aufgabe der jeweiligen Ortskirchen zu begreifen. Mission wäre dann nicht mehr einseitiger Austausch von Ressourcen, sondern das Teilen des gemeinsamen Glaubens zwischen den verschiedenen lokalen christlichen Gemeinschaften.

Elas Ausführungen zur missionarischen Berufung der Kirche sind nicht nur für die kirchliche Situation in Afrika von Bedeutung. Gerade deshalb ist es bedauerlich, dass der Verlag dem Buch kein Literaturverzeichnis beigegeben hat. Es wäre lohnenswert, seine Vorschläge auch auf die gegenwärtigen Struktur- und Reformdebatten innerhalb der deutschen Kirche zu beziehen und weiterzudenken. Dies trifft auch auf Elas Überlegungen am Ende des Buches über die „Sendung der Laien im sakramentalen Leben" der Kirche zu. Schon allein angesichts zurückgehender Priesterzahlen sollte das überkommene Verhältnis der priesterlichen und laikalen Dienste in der Kirche theologisch überprüft werden - um des sakramentalen Überlebens der lokalen christlichen Gemeinschaften willen.

Ein Band der "Ökumenischen Studien" kann dazu dienen, den Blick auf die Theologie Afrikas zu ergänzen: Andrea Fröchtling und Ndanganeni Phaswana haben einen Sammelband zusammengestellt, dessen Beiträge am Beispiel Südafrika ausdrücklich die Zusammenarbeit zwischen den Kirchen Afrikas und Deutschlands in den Blick nehmen. Neben systematischen und historischen Grundlegungen werden Initiativen vorgestellt, die zeigen, wie ein theologisch verantworteter Austausch zwischen Nord und Süd fruchtbar werden und Veränderungen bewirken kann.

 

Die Rezension ist erschienen in: Concilium 42 (2006) 4, 497-500.

 

 

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