Rezension: Georg Evers Der indische Jesuit Michael Amaladoss stellt in dieser Publikation Bilder und Symbole vor, in denen Christen und Nichtchristen in Asien die Gestalt und die Bedeutung Jesu auszudrücken versuchen. Nach der Einleitung, in der Amaladoss aufzeigt, dass Symbole aus den indischen Traditionen einen neuen Zugang zum Verständnis Jesu eröffnen können, gibt er in den beiden einleitenden Kapiteln einen Überblick über Bilder von Jesus in der christlichen Tradition und in Darstellungen von Angehörigen anderer asiatischer Religionen. Für asiatische Christen hat das Bild von Jesus als der Weise einen wichtigen Platz. Fast ebenso einflussreich ist das Bild des Weges, das Jesus selber auf sich anwendet und das als Weg selbstlosen Liebens und Dienens für Christen in Asien reich an Bedeutung ist. In der Gestalt des „Guru“ lässt sich das Wirken Jesu als Lehrer, der seine Schüler schult, mit den in Indien und in anderen asiatischen Traditionen bekannten Vorstellungen des Guru verbinden. Die Heimatlosigkeit des Gurus Jesus, der keinen festen Platz (Ashram) hat und eine die Gesellschaft verändernde Bewegung begründet, macht ihn zu einen „besonderen Guru“. Die Haltung des „Satyagrahi“ eröffnet einen wichtigen Zugang zum Verständnis von Jesus, der im gewaltfreien Einsatz für Wahrheit und Gerechtigkeit eins mit Gott dem Vater ist. Amaladoss ist überzeugt, dass das Bild des „Avatars“ besser geeignet ist, das Geheimnis von Jesus zu verstehen, als dies die aus der griechischen Philosophie genommenen Begriffe tun. Das Besondere bei Jesus liegt darin, dass er sich in selbstloser Hingabe erniedrigt und in Solidarität mit der ganzen Schöpfung diese zur Vollendung führt. Das Bild von Jesus als Knecht kommt aus der jüdischen Tradition des Gottesknechtes, findet sich aber auch in der hinduistischen Advaita-Lehre. Die Gestalt Jesu als des Barmherzigen findet Entsprechungen in buddhistischen Vorstellungen. Für westliche Leser eher ungewohnt ist das Bild von Jesus als Tänzer, das jedoch Indern vertraut ist, die Shiva und Krishna als Tänzer kennen. Der indische christliche Künstler Jyoti Sahi hat mehrfach Jesus als Tänzer dargestellt. Mit Jesus als dem „Herrn des Tanzes“ tanzen auch Gott der Vater und der Heilige Geist, ja, der ganze Kosmos tanzt in Erwartung der Erfüllung. Das letzte Bild zeigt Jesus als Pilger, der mit seinen Jüngern unterwegs ist, die Jünger auf dem Weg nach Emmaus begleitet und im Brechen des Brotes eine neue Gemeinschaft begründet. Im Schlusswort stellt Amaladoss noch einmal deutlich heraus, dass Bilder und Symbole ein besseres Verständnis von Jesus ermöglichen. Amaladoss schreibt in erster Linie für Christen in Asien, aber darüber hinaus ist sein Buch ein Beitrag und eine Hinführung zu einer für westliche Christen ungewohnten Form, sich Jesus zu nähern, die einen neuen Zugang eröffnet. Jahrbuch Mission 2010, 243-244. Rezension: Norbert Copray Mit bislang über neun Millionen Besuchern und über neun Millionen Euro Einspielergebnis am Startwochenende war allein in Deutschland der Film Avatar von James Cameron einer der erfolgreichsten Kinofilme der letzten Jahrzehnte. Er übertraf sogar den Cameron-Film Titanic . In dem Film steuert der querschnittsgelähmte Jake Sully auf einem fernen Planeten mittels Gedankenübertragung eine Kunstfigur aus der DNA einer menschlichen und einer extraterristischen Spezies: ein Avatar - keine Mischung, keine Addition, sondern ein vollendetes, aus menschlicher und nichtmenschlicher DNA bestehendes neues Wesen: unvermischt und ungetrennt. Im Internet ist ein Avatar der grafische bzw. künstliche Vertreter einer echten Person, die zu Haus an der Tastatur oder am Joystick sitzt. Nicht von ungefähr ist die Bezeichnung Avatar in die Computer- und Kinowelt eingezogen. Sind doch an der dafür erforderlichen Software zahlreiche Inder beteiligt, die diesen Begriff aus ihrer religiösen Sprachwelt entlehnt haben. Denn als Avatar wird im Hinduismus Indiens eine körperliche Manifestation Gottes bezeichnet. Und für viele gläubige Hindus ist Jesus Christus einer der zehn Avatare Gottes. Michael Amaladoss, Jesuit, Theologieprofessor und Direktor des Instituts für den Dialog mit den Kulturen und Religionen in Chennai, stellt in seinem Buch "Jesus neu sehen" Jesus als Avatar vor. "Wenn Inder sich mit Jesus beschäftigen, betrachten sie ihn spontan als einen Avatar". Zugleich wird Avatar durch die Geschichte und Lehre Jesu neu gedeutet. Amaladoss: "Ich glaube, dass der indische Zugang ohne das Entweder-oder der Griechen auskommt, die Gott und Mensch trennen und dann nicht wissen, wie sie die beiden wieder zusammenbringen sollen". Amaladoss gewährt mit seiner indischen Jesus-Theologie auch den Menschen im Westen einen neuen Blick auf Jesus. Das provoziert, macht nachdenklich, erschließt aber auch neue Perspektiven. Dieser andere Blick auf Jesus weitet und vertieft vertraute Jesusbilder. Er vermittelt wohltuende spirituelle Eindrücke und theologische Inspiration. Doch der Autor belässt es nicht bei Jesus als Avatar. Er spricht von Jesus auch in je eigenen Kapiteln als Weisem, Guru, Weg, Satyagrahi, der an der Wahrheit festhält und prophetisch wirkt, als Diener, Mitleidender und Tänzer- Für westeuropäische Menschen sind das teils ungewohnte und ungewöhnliche Deutungen, wenn sie sich nicht schon mit der indischen Kultur und den indischen Religionen befasst haben. Der indische Theologe verlangt jedoch keine detaillierten Auseinandersetzungen mit der indischen Tradition, um seinen Bildern folgen zu können, auch wenn er an die indische Spiritualität heranführt. Er verlangt nicht den Abschied von abendländischen Jesusdeutungen, zumal er sie mit seiner Sicht verbindet. Er verlangt aber eine deutlich größere Vielfalt im Jesusverständnis und einen stärker spirituell gegründeten Jesusglauben, der in Jesus und in seiner Nachfolge gesellschaftliches Engagement für eine gerechtere Welt und den Glauben an den liebenden Gott unzweideutig und untrennbar miteinander verbindet. Das sind "indische Denkanstöße", die ins Zentrum eines weltweiten Christentums gehören. Publik-Forum Nr. 7 (2010), S. 56. Rezension: Reinhard Kirste Wer dieses Buch in die Hand nimmt, denkt sofort an das bahnbrechende Werk des Altmeisters in der Religionenbegegnung, Raimon Panikkar, der in seinem Buch Der unbekannte Christus im Hinduismus (zuerst englisch 1964!, deutsch 1965) einen Dialog dahingehend eröffnete, wie die Offenheit indischer Religiosität Christus gewissermaßen in Indien heimisch werden ließ. Der Jesuit Michael Amaladoss, Direktor des "Institute for Dialogue with Cultures and Religions" in Chennaí (Madras) gehört zu den nicht wenigen asiatischen Theologen, die diesen Weg weitergegangen sind. Der nun auf Deutsch erhältliche Titel läßt uns Jesus in universaler Weite sehen. Dabei vermischt der "Hindu-Christ" Amaladoss keineswegs die unterschiedlichen Bilder Jesu, sondern zeigt die Konvergenzen auf, die Christen und Andersgläubige mit dem Mann aus Nazareth verbinden. Das Lesen wird zu einer Entdeckungsreise hin zu einem vertieften Verständnis von Jesus, das christliche und besonders westliche Traditionen und Jesusbilder übersteigt. Um es vorab zu sagen: Ein facettenreiches, beeindruckendes Buch interreligiöser Verständigung und des Brückenbaus zwischen Ost und West. Schritt für Schritt geht nun Amaladoss mit indischen Augen den Spuren Jesu nach. Zuerst klärt er die Rolle von Bildern und die (Bild-)Sprache von Dogmen. So fragt er, wie man das Geheimnis des Glaubens außerhalb einer semitischen Kultur ausdrücken kann, wie man mit Jesus vertraut werden kann, ohne sich auf die Begriffe "Messias" oder "Sohn Gottes" zu beziehen oder noch stärker, ohne das Konzept der Trinität zu benutzen. Für Amaladoss ist klar, dass die "westlichen" Aussagen über Jesus unvollständig sind und die Kulturen übergreifenden Symbole weiterführen: "Im selben Sinne ist Avatar ein allgemeines Symbol so, wie es Krishna nicht ist. Ich kann Jesus einen Avatar nennen. Ich kann ihn nicht Krishna nennen. Wenn ich Jesus einen Avatar nenne, vergleiche ich ihn nicht mit Krishna oder mit irgendeinem anderen Avatar. Das Wort Avatar hat eine allgemeine Bedeutung, die jedoch einen spezifischen Sinn bekommt, wenn ich es für Jesus verwende, und zwar kommt dieser spezifische Sinn von Jesus selbst her" (S. 17). Angesichts solcher Präzisierungen entwickelt Amaladoss die asiatischen Gesichter Jesu in sieben Schritten. Er beginnt in Kapitel 1 mit Jesusbildern in der christlichen Geschichte und zeigt bereits in Kapitel 2 die Jesusbilder in Asien auf: Sittenlehrer, Avatar, Satyagrahi, Advaitin, der Solidarische und der Bodhisattva. Diese erläutert er in den folgenden Kapiteln. In Kapitel 3 spitzt sich das Bild Jesu auf das des Weisen zu und zeigt die Eigenschaften eines solchen Menschen konkret auf. Kapitel 4 identifiziert Jesus mit dem universalen Wegsymbol , eingebunden in kosmologische Zusammenhänge ("kosmischer Christus"). Kapitel 5 geht dann dem indischen Guru- und Vorbild-Verständnis nach. In Kapitel 6 zeigt Amaladoss auf der Grundlage des von Gandhi entwickelten Begriffes Satyagrahi (= der an der Wahrheit Festhaltende, und die Wahrheit ist Gott) Jesus als den besonderen Propheten, der sein Leben von der Liebe her, durch die Vergebung, in Gewaltlosigkeit und unter Inkaufnahme des Leidens bewältigte. Auf diesem Wege erreichte er auch Befreiung. In Kapitel 7 beschreibt der Autor Jesus in seiner wahren Menschlichkeit und in seiner kosmischen Nähe zu Gott als Avatar. "Wenn der Geist Gottes und Christi in anderen Religionen gegenwärtig und wirksam ist, dann muss diese Gegenwart sich durch Personen und Ereignisse geschichtlich manifestieren. All dies sind dann Offenbarungen bzw. Avatare Gottes, des Wortes und des Geistes. Deshalb wirkt das Bild Jesu als Avatar weniger ausschließend, auch wenn er ein besonderer Avatar ist" (S. 161). Die Kapitel 8 und 9 stellen das Dienen und das Leiden in den Mittelpunkt. Der Weg Jesu ist dabei über das Moralische hinaus ein spiritueller in der dienenden Gottesbeziehung. Diese könnte zugleich eine neue gesellschaftliche Ordnung signalisieren, in der die Gleichheit aller Menschen betont und zugleich an Gott gebunden wird ("Theo-Demokratie", S. 177f). In dienender und mitleidender Selbstentäußerung ist ein humanes Kriterium gesetzt, das in der harmonischen Einheit seine Mitte hat. Dies ist ein Vorstellungsbereich, den das indische Advaita-Denken (der Nicht-Zweiheit) gut nachvollziehen kann. Die Folgerung daraus im Sinne des Mitleidens gewinnt dadurch heilende und zum Heil führende Kraft. Hier sieht Amaladoss auch die weibliche Seite Jesu hervortreten (S. 193f). Verblüfft wir der/die (westliche) Leser/in dann in Kapitel 10 von Jesus dem Tänzer hören. Die Beziehung zum Tanz des Gottes Shiva ist nicht nur gewollt, sondern gewinnt durch die Auferstehung Jesu eine ungeahnte Bedeutung. Ostern als Fest des Lebens, das gleichzeitig die Befreiung feiert: Die ganze Schöpfung tanzt den Tanz der Freiheit in der (wiedergewonnnen) Harmonie. Die Schlussfolgerung gipfelt im Ideal der dialogischen Gemeinschaft aller Pilgernden, die auf unterschiedlich-religiösen Wegen in der Nachfolge (Jesu) dem "Reich Gottes" näherkommen.
Reinhard Kirste (31.01.10) |