Rezension: Ulrich Dehn Der katholische indische Dogmatiker Felix Wilfred mag in Anbetracht zahlreicher auch ins Deutsche übersetzter Veröffentlichungen mit Recht als derzeit bei uns bekanntester indischer Theologie betrachtet werden. Das vorliegende Buch, im Original 2005 unter dem Titel "The Sling of utopia - Struggles for a different society" erschienen, hat nun einen Horizont, der weit über Indien und Asien hinausgeht. In drei großen Teilen entfaltet Wilfred seine Vision einer Beteiligung der Christen an den Kämpfen der Menschen, die am Rande der Gesellschaften in den verschiedenen Kontexten der Welt stehen.
Der erste, überwiegend interdisziplinär sozialwissenschaftlich orientierte Teil analysiert sowohl Aspekte der Globalisierung und der Politik des "Empire" als auch die zahlreichen Geschichten, Situationen und Kämpfe der Menschen, die Opfer des globalen Systems und der nationalen Subsysteme sind. Das Thema "Minderheiten" und Subalternität, Säkularismustheorien, Nationalismus als konservativ-hinduistisch orientierte Bewegung (Hindutva) oder humanistisch aufgeklärter Begriff und politisches Ideal sowie andere Themen, die zum Material einer theologischen Ethik werden sollen, werden hier verhandelt.
Im zweiten Teil greift Wilfred mit eher theoretischer Absicht einige Diskurse um das große Thema "Religion" auf, jedoch nicht mit dem Ziel einer abstrakten Begriffsbestimmung, sondern im Sinne subalterner Religionsformen und ihrer soziopolitischen Verortungen: Er führt die Leserinnen und Leser unter anderem durch die Themen der Geister und Götter im Kontext "subalterner Religiosität", durch das Stichwort Märtyrertum und dies besonders unter Genderaspekten.
Wilfred sieht die Rolle und spezifische Kompetenz der Religion darin, am Aufbau einer partizipativen Zivilgesellschaft mitzuwirken. Im Zusammenhang mit der Globalisierung und der Manipulationsgesellschaft sieht er die Funktion von Religion im Schaffen von "communion" und "community", aber komplementär dazu auch so: "Religionen können als ein 'Propeller" fungieren, der in allen Bereichen des Lebens unaufhörlich eine Zentrifugalbewegung auslöst". Sie können zu Utopien und Alternativen anregen. Konkretere Vorstellungen zum christlichen Engagement entwickelt Wilfred im dritten Teil. Theologisch fordert er eine neue asiatischen Aneignung des Christentums ein, die unter anderem darauf vertraut, dass Angehörige anderer Religionen mit ihren Fragen bereits selbst einen eigenen Bezug zum Evangelium hergestellt haben - ein klassischer Inklusivismus. Dem zentripetalen Universalismus des Alten Testaments (Zion) stellt er den zentrifugalen Universalismus Jesu gegenüber und plädiert für einen neuen Humanismus.
Der sozialethische, interdisziplinär an der soziologischen, religionswissenschaftlichen und kulturtheoretischen Diskussion partizipierende Ansatz Wilfreds stellt eine hochinteressante Fortschreibung befreiungstheologischer Ansätze dar, wie sie aus Indien von M.M. Thomas oder den Jesuiten S. Kappen und S. Rayan vorbereitet und entwickelt wurden. Jahrbuch Mission (2007) S. 227-228.
Rezension: Axel Bernd Kunze
Wie eine christliche Mission konkret werden kann, verdeutlicht Felix Wilfred an den spezifischen Gegebenheiten Indiens. Wilfred führt die Auseinandersetzungen und Verwerfungen innerhalb der indischen Gesellschaft auf das Problem "unterdrückter Identitäten" zurück. Dabei sind es vor allem die Dalits, welche kaum die Möglichkeit haben, ihre Identität geltend zu machen. Ein "humanistischer Nationalismus" kann für den indischen Dogmatiker allerdings nur mit den Armen gemeinsam entwickelt werden. Wilfreds Kernfrage lautet, welchen Beitrag speziell das Christentum leisten kann, den Mitgliedern unterdrückter Gruppen dabei zu helfen, ihre Würde, ihre Rechte und ihre Individualität wiederzuerlangen. Auch hier bietet die christliche Trinitätslehre den theologischen Punkt, an dem der Autor ansetzt: "Da zwischen Gottesvorstellung und der Gesellschaftsordnung eine Wechselbeziehung besteht, müssen wir die trinitarische Vorstellung vom göttlichen Geheimnis als ein Modell für heutige multireligiöse und multikulturelle Gesellschaften in den Vordergrund rücken" (59). Die gegenwärtige Globalisierung birgt für Wilfred die Gefahr eines schädlichen religiösen Tribalismus. Eine ethisch verantwortlich gestaltete Weltgesellschaft lasse sich aber andererseits nicht durch eine Art globale Einheitsreligion schaffen, sondern nur durch eine "universale Gemeinsamkeit und Gemeinschaft" der verschiedenen Religionstraditionen. Wilfred ermutigt dazu, die Impulse der biblisch-christlichen Botschaft hierbei selbstbewusst und deutlich zur Sprache zu bringen. Dies ist nicht zuletzt eine Bildungsaufgabe, die das Christentum um der Glaubwürdigkeit seiner eigenen Botschaft willen zu übernehmen habe. Der Band vermittelt einen interessanten Einblick in die Herausforderungen, vor denen Indiens Theologie derzeit steht. Die Auseinandersetzung damit ist schon deshalb interessant, weil die politische Bedeutung Indiens auf Weltebene mittelfristig deutlich zunehmen wird; gleichzeitig zeigen sich hier exemplarische Konflikte, die auch auf andere Regionen übertragen werden können. Durch einzelne schwer zu übersetzende Wörter ist der Text mitunter etwas ungelenk geworden, doch sollte dies nicht vom Lesen abschrecken. Concilium 43 (2007) 1, S. 125. |