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Laudatio für Agnes Brazal
Preisträgerin des MWI-Wissenschaftspreises 2003 für kontextuelle Theologie und Philosophie


Sehr geehrte Damen und Herren, Dear Mrs. Agnes Brazal, 

 

das Missionswissenschaftliche Institut Missio (MWI) hat die große Ehre, den diesjährigen „Preis für Kontextuelle Theologie und Philosophie“ einer jungen Theologin aus der südlichen Hemisphäre verleihen zu dürfen. 

Auf einer meiner jüngsten Dienstreisen wurde ich von unseren Partnern im Süden gefragt, wann denn die Europäerinnen und Europäer endlich ihre eigene Kontextualität entdeckten. Die Frage ist sicher berechtigt, da viele Kolleginnen und Kollegen an hiesigen Universitäten und Hochschulen – bewusst oder unbewusst – einen prinzipiellen Unterschied zwischen der universellen Theologie made in Germany und den kontextuellen theologischen Ansätzen in den Ländern der so genannten Dritten Welt machen und damit in ein methodologisches Fettnäpfchen treten, aus dem sie so leicht nicht mehr rauskommen. Die Frage unserer Partner zeigt, dass es eine Theologie jenseits von Kontexten gar nicht gibt, und dass jede Rede von „Universalität“ und „Absolutheit“ zuerst einmal den Lackmustest von Eurozentrismus und Perspektivität durchstehen muss.

Dabei ist gerade das Thema und die Wirklichkeit „Migration“ ein Kontext, der unsere Partner im Süden mit uns hier im Norden verbindet; beide sind wir – wenn auch in unterschiedlicher Form und mit ganz anderen Auswirkungen – von den Wanderbewegungen betroffen, die Unterdrückung, Diskriminierung und Armut ausgelöst haben. Wenn Menschen fliehen oder als Wanderarbeiterinnen und –arbeiter (welch schrecklicher Ausdruck!) neue Heimaten suchen, dann nehmen sie nicht nur ihre Arbeitskraft, ihre Kleidung und persönlichen Andenken mit, sondern auch ihre religiöse Überzeugung und Praxis. Und damit sind wir beim Thema des MWI-Wissenschaftspreises: Wie verändert Migration das religiöse Selbstverständnis von MigrantInnen und Aufnahmegesellschaft, von Einzelpersonen und Gruppen oder gar von ganzen Gesellschaften und Religionsgemeinschaften?

Die Preisträgerin Agnes Brazal hat mit ihrem Beitrag „Beyond the Religious and Social Divide. The Emerging Mindanowom Identity“ eine Antwort zu geben versucht. Agnes Brazal, verheiratete Laientheologin, wurde 1960 in Manila auf den Philippinen geboren. Bevor sie mit ihrem Theologiestudium anfing, studierte sie „Management Engineering“. Den Master-Titel in Theologie erhielt sie 1992 von der Maryhill School of Theology in Quezon City, das theologische Lizentiat 1994 und das Doktorat 1998 an der Katholischen Universität Leuven. Seither ist sie Professorin an ihrer früheren Ausbildungsstätte, der Maryhill School of Theology in Quezon City, wo sie feministische Theologie, Fundamentaltheologie und Bioethik lehrt. Frau Brazal ist zurzeit auch Vizepräsidentin der Katholischen Theologischen Gesellschaft der Philippinen.

Ich erachte es persönlich als besonders bedeutungsvoll für die Anstrengungen des MWI, kontextuelle Theologien im globalen Süden zu fördern, dass der von der Jury preisgekrönte Beitrag von einer Frau, einer Laiin und einer Bürgerin eines des der so genannten „Dritten Welt“ zugehörigen Landes eingereicht worden ist. Wie wir wissen, sind diese drei Merkmale innerhalb der dominanten Theologie in der Katholischen Kirche eher Kriterien für einen Ausschluss: der ordinierte männliche weißhäutige europäische Theologe gilt in maßgeblichen Kreisen kirchlicher Berufungsverfahren für theologische Lehrstühle noch immer als das Ideal. Dass diesem Profil nicht immer der Qualität theologischer Reflexion entspricht, hat die Jury mit ihren Auswahlkriterien bewiesen.

Agnes Brazal stellt in ihrem Beitrag den Kontext von Mindanao, der von Gewalt und Terror erschütterten Südinsel der Philippinen, in den Mittelpunkt. Dabei stellt sie klar, dass es sich nicht einfach um einen interreligiösen Konflikt zwischen ChristInnen und MuslimInnen handelt, sondern dass die Ursachen für die Unruhen vielfältig und sehr komplex sind. Religiöse und ethnische Identitäten von Gruppen werden oft als künstlich hochstilisierte Kampfbegriffe verwendet, um sich gegen andere Gruppen abzugrenzen. In Wirklichkeit werden die soziologischen Ansätze, die von originären Moro-, Lumad- oder Mindanao-Identitäten ausgehen, der durch die wachsenden Migrationsbewegungen ausdifferenzierten Gesellschaft in Mindanao nicht gerecht. Brazal plädiert in ihrem Beitrag für einen konstruktionistischen Ansatz, der die historisch gewachsenen neuen Identitäten in Mindanao ins Blickfeld rückt.

Frau Brazals These einer Mindanao-Identität, die über die Merkmale ethnischer und religiöser Zugehörigkeit hinausgeht, verspricht nicht nur einen neuen theologischen Zugang zur schwierigen Frage der religiösen Identität, sondern eröffnet möglicherweise auch neue Zugänge für den interreligiösen Dialog. Die Verabschiedung einer mono-kulturellen und mono-religiösen Definition Mindanaos und das Eintreten für eine Drei-Völker-Perspektive (Lumad, Moslems, Christen) könnte nicht zuletzt ein Modell für andere geografischen Kontexte abgeben, wo herkömmliche Identitäten durch Migrationsbewegungen in Frage gestellt und neue noch nicht zu erkennen sind.

Der Beitrag von Agnes Brazal besticht nicht zuletzt auch durch einen konsequent interdisziplinären Ansatz, der für die Beschäftigung mit der Problematik der „Migration“ unverzichtbar ist. Dass die Theologie sich relativ spät in die Debatte eingeschaltet hat – oder vielleicht besser: es zu tun im Begriffe ist -, hat viel mit akademischen Berührungsängsten hierzulande zu tun, die man und frau im „Süden“ sich angesichts der Dringlichkeit der sozialen und wirtschaftlichen Probleme gar nicht leisten kann. Konzentration der Kräfte über akademische und religiöse Grenzen hinweg ist ein unbedingtes Gebot der Stunde. Frau Brazals Beitrag ist das Zeugnis einer leidenschaftlichen Theologie, die sich nicht scheut, sich den Herausforderungen des Alltags zu stellen und deutlich Position zu beziehen.

Die Diskussionen mit unseren Partnerinnen und Partner in außer-europäischen Kontexten haben nicht nur die Frage um theologische Inhalte und Methoden, sondern auch die schwierige Debatte um einen kontextuellen Wissenschaftsbegriff in Gang gesetzt. Warum sollte ein auf der Grundlage des abendländischen kulturellen Erbes erwachsener Wissenschaftsbegriff als der für die ganz Welt einzig wahre und verbindliche akzeptiert und propagiert werden? Theologie ist nicht nur in der Wahl ihrer Inhalte und der Herangehensweise kontextuell, sondern auch in den Kriterien von Wissenschaftlichkeit und Rationalität. Der Beitrag von Agnes Brazal und die Überlegungen der Jury haben gezeigt, dass die Universitas der Zukunft kein globalisiertes europäisches Bildungsideal, sondern eine Diversitas von Paradigmen und Kontexten ist, die sich im lebendigen Austausch um eine allen gemeinsame Vision bemühen: Eine Welt, in der alle Platz haben.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit. 

Dr. Josef Estermann

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