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19.04.2004: Ein Plädoyer von Bischof Kamphaus
Echte Toleranz hat Grenzen - Wer wie islamistische Terroristen den Tod mehr liebt als das Leben, kann die Welt nicht menschlicher gestalten. Die Verteidigung der offenen Gesellschaft lohnt allen Einsatz, sagt der Limburger Bischof Franz Kamphaus. Er fordert von den Religionen Solidarität mit dem demokratischen Staat, der nicht zuletzt von terroristischen Islamisten und deren Sympathisanten bedroht werde.


ECHTE TOLERANZ HAT GRENZEN

Islamische Terroristen haben "dem Westen", voran Amerika als westlicher Führungsmacht, den Krieg erklärt, und die USA haben ihrerseits den "Krieg gegen den Terrorismus" ausgerufen. In solchen Situationen scheint nichts dringlicher, als klar Stellung zu beziehen und sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen. Schon der Versuch, einen kühlen Kopf zu bewahren, wird leicht als Verrat an der guten Sache denunziert. Neutralität wirkt feige und über Toleranz nachzudenken wirklichkeitsfremd.

In der Tat wäre es widersinnig, dem islamistischen Terrorismus mit Toleranz zu begegnen. Den Feinden der Toleranz gegenüber tolerant zu sein ist Selbstmord. Echte Toleranz hat Grenzen und schließt die Bereitschaft ein, diese Grenzen entschlossen zu verteidigen. Nur ihre Feinde verwechseln sie mit Schwächlichkeit und verkennen, dass sie auf innerer Stärke beruht. Zu dieser Stärke gehört es, sich nicht von ihnen die Bedingungen des Kampfes diktieren zu lassen. Das beginnt schon mit der Weigerung, sich ihre Definition des Konflikts zu eigen zu machen. Es hatte seinen guten Grund, als sich in den Tagen des blutigen RAF-Terrors die politisch Verantwortlichen in der Bundesrepublik Deutschland und die bundesdeutschen Gerichte beharrlich dem Verlangen widersetzten, die inhaftierten Terroristen als "politische Gefangene" anzuerkennen.

Terroristen sind Verbrecher, gefährliche Kriminelle, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Ihnen den "Krieg" zu erklären bedeutet, ihnen auf den Leim zu gehen. Der demokratische Rechtsstaat führt gegen Terroristen und Terrorismus ebenso wenig Krieg wie gegen Drogenhändler, Waffenschieber oder Wirtschaftskriminelle. Werden die Übeltäter gefasst, sind sie nicht als Kriegsgefangene zu betrachten, aber auch als Verbrecher keineswegs vogelfrei. Nicht einmal der Krieg schafft einen rechtsfreien Raum, in dem der Zweck die Mittel heiligt. Wo der "Krieg gegen den Terrorismus" dazu verführt, gegen das Recht zu verstoßen oder es zu missachten, nimmt er selbst terroristische Züge an. Unter bestimmten Umständen mag der Einsatz militärischer Gewalt im letzten Fall notwendig sein. Gerade dann muss die völkerrechtliche Legitimität sichergestellt und in der Auseinandersetzung deutlich werden, dass das Militär vorübergehend die Aufgabe einer internationalen Polizei übernimmt, die es leider noch nicht gibt.

Aus dem kriminellen Charakter des Terrorismus ergibt sich die Notwendigkeit, unbeirrbar an der Vorrangigkeit nichtmilitärischer Mittel festzuhalten. Dabei ist zu beachten, dass er in der Regel mit politischem Anspruch auftritt. Es kennzeichnet die Logik des Islamismus, unter den Bedingungen massenmedial vermittelter (Welt-)Öffentlichkeit, den Sturz islamischer Regime und die Beseitigung der westlichen Staatsformen herbeiführen zu wollen, um sie durch eine islamistische Herrschaft zu ersetzen. Mit seinem gezielten Griff nach der Staatsmacht in der Absicht, jedes Hemmnis rücksichtslos aus dem Wege zu räumen und danach jede Opposition auf Dauer auszuschalten, gleicht der Islamismus den totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts. Deswegen ist es zwar richtig und wichtig, seine Verbrechen anzuprangern und ihm vorzuhalten, er erhebe völlig zu Unrecht den Anspruch, den wahren Islam zu repräsentieren. Noch mehr jedoch kommt es darauf an, ihm politisch entgegenzutreten. An diesem Punkt ist größtmögliche Klarheit und Entschiedenheit vonnöten.

 

Grundloser Hass

Angesichts des Terrors verbietet sich jede klammheimliche Freude. Es rächt sich bitter, Verständnis mit Akzeptanz zu verwechseln. Denn es irrt gewaltig, wer meint, Terroristen durch Sympathie für ihre Motive von ihrem Weg abbringen zu können. Sie hassen ihre Feinde und noch vor ihnen Abweichler und Abtrünnige aus den eigenen Reihen. Sie verachten die wohlmeinenden Gutmenschen, die ihre Ziele einfühlsam mittragen, als nützliche Idioten. Getrieben von einem fanatischen Reinheits- und Vollkommenheitswahn, dulden sie keine Halbherzigkeiten und inneren Vorbehalte, sondern verlangen den totalen und kompromisslosen Einsatz für die "heilige Sache".

Aus eben diesem Grund verhalten sich Terrorismus und Toleranz zueinander wie Feuer und Wasser. Toleranz setzt einen Standpunkt und Standfestigkeit voraus. Sie gewinnt daraus die Fähigkeit, Spannungen zu ertragen, die bis hart an die Grenze unvereinbarer Gegensätzlichkeit reichen. Sie hat die Kraft, mit Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten zu leben, ohne sich damit abzufinden.

Dazu sind Terroristen weder willens noch fähig, weil ihr ideologischer Purismus und ihr moralischer Rigorismus sie in jeder Form der Duldsamkeit und in selbstreflexiver Distanz eine tödliche Gefahr wittern lässt. Fanatiker leiden an paranoiden Ängsten und neurotischer Zwanghaftigkeit. Das erklärt den im wahrsten Sinne des Wortes tödlichen Ernst, der die totalitäre Propaganda immer und überall charakterisiert, ob sie nun konkret im Gewande kommunistischer, nationalsozialistischer oder religiös geprägter Couleur auftritt. Stets verrät er sich durch das konstitutionelle Unvermögen, über sich selbst und andere herzhaft zu lachen, das sich im Übrigen bestens verträgt mit der Lust an höhnischem Gelächter über die Dummheit und die Schwäche toleranzduseliger "Weicheier". Das Entsetzen, das der Terrorismus als politische Strategie hervorruft, kommt nicht nur vom Ausmaß seiner Massaker her, sondern vom Empfinden, mit der völligen Abwesenheit menschlichen Mitgefühls konfrontiert zu sein. Diese Bösartigkeit entspringt einer abgründigen Feindseligkeit, die in einem bedingungslosen Vernichtungswillen zum Ausdruck kommt. Dahinter steckt blanker Hass.

Die Abgründigkeit menschlichen Hasses besteht darin, grundlos zu sein. An dieser finsteren Realität prallen alle Erklärungsversuche ab. Was immer man an Gründen für ihre Existenz nennen mag, trifft in gleicher Weise auf unzählige andere Menschen zu, die einfach nur leiden oder gegen ihr Leiden aufbegehren und für eine bessere Welt kämpfen, ohne zu hassen. In seiner Grundlosigkeit gleicht der Hass seinem Gegenstück, der Liebe. Es gibt einen bemerkenswerten Unterschied: Während die Liebe wegen ihrer Grundlosigkeit als beglückendes Geschenk erlebt wird, bemüht sich der Hass unablässig darum, seine Grundlosigkeit zu verdecken, indem er krampfhaft und in wortreichen Erklärungen Gründe aufzählt, die ihm den Schein der Rechtmäßigkeit verleihen. Hasserfüllte Menschen von der Absurdität ihres Hasses überzeugen zu wollen, hat wenig Sinn. Die vordringlichste Aufgabe von Staat und Gesellschaft besteht deshalb darin, den Schutz jener Personen und Personengruppen zu gewährleisten, gegen die sich der Hass richtet. Der Terrorismus als hassgeleiteter Einsatz von Gewalt bedroht das Fundament freien und friedlichen Zusammenlebens, weil er unvereinbar ist mit der Toleranz als dem ethischen Kern einer bestimmten Form menschlicher Koexistenz. Sie beruht auf der Einsicht, dass kein Mensch rechtlich verpflichtet werden kann, andere Menschen zu lieben, sehr wohl aber darauf, jeden Menschen als Menschen zu respektieren. Deshalb bildet die unbedingte Achtung der Menschenwürde und der Menschenrechte die Basis einer vorrangig zivilgesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der terroristischen Geißel der Menschheit. Es liegt in der Natur des Terrorismus, dass die Auseinandersetzung mit ihm zwar zum Einsatz von Gegengewalt nötigen kann, jedoch nicht mit Gewalt zu gewinnen ist. Sie muss als Ringen um das Herz und die Seele der Menschen geführt werden, hängt also an der Vertrauens- und Glaubwürdigkeit derer, die Politik betreiben und politische Verantwortung tragen.

Angesichts der Leichtfertigkeit, mit der die gegenwärtige amerikanische Regierung in ihrem "Krieg gegen den Terrorismus" bei der Wahl ihrer Mittel verfährt, ist an die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg zu erinnern. Damals haben die westlichen Siegermächte der nahe liegenden Versuchung widerstanden, die ungeheuerlichsten Verbrechen ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz zu ahnden. Stattdessen pochte besonders Amerika darauf, dass selbst die übelsten Verbrecher nicht aus der menschlichen Rechtsgemeinschaft ausgeschlossen werden dürfen, wie es die Sowjets mit Rücksicht auf ihre 20 Millionen Kriegstoten forderten. Man garantierte den Verbrechern einen fairen Prozess, ungeachtet der unverhohlenen Verachtung, mit der die Angeklagten vor dem Nürnberger Tribunal dem Gericht begegneten. Mit dieser Selbstbindung an das Recht auch noch gegenüber himmelschreiendem Unrecht vollzog Amerika eine zivilisatorische Leistung von epochalem Rang. So und nicht anders entsteht politische Führungsmacht, die durch moralische Glaubwürdigkeit vertrauensstiftend wirkt anstatt zu demütigen.

Beunruhigender Vertrauensverlust

Wenn der Kampf gegen die totalitäre Bedrohung und ihre terroristischen Auswüchse im 20. Jahrhundert eine beherzigenswerte Lehre enthält, dann die, dass Terror außer Stande ist, eine Gesellschaft ins Herz zu treffen, die kraft ihrer inneren Stärke nicht mit den gleichen Mitteln und Methoden zurückschlägt. Darum muss die Frage beunruhigen, weshalb immer weniger Menschen in der Welt der amerikanischen Politik Vertrauen schenken, weshalb überall die Zweifel an ihren Beteuerungen wachsen, es ernst zu meinen mit der Demokratie, den Menschenrechten und dem Frieden. Das Schlüsselproblem im Kampf gegen den Terrorismus stellt nicht der Hass der Terroristen dar, sondern die lauthals herausgebrüllte oder still empfundene Sympathie mit ihnen trotz des allgemeinen Widerwillens gegen verbrecherische Gewalt. Sie bildet die sumpfige und stickige Atmosphäre, die der Terrorismus als Lebenselixier braucht. Ihn davon abzuschneiden heißt, den Sumpf auszutrocknen, aus dem sie in giftigen Blasen emporquillt.

Was das bedeutet, lässt sich schnell sagen. Schluss mit einer Politik, die Menschen in die Knie zwingen will, statt ihnen auf die Beine zu helfen. Schluss mit einer Politik, die sich um wirtschaftlicher und politischer Interessen willen mit den schlimmsten Diktatoren und Regimen verbündet. Schluss mit einer Politik, die wirtschaftliche Entwicklung auf Kosten der ohnehin Benachteiligten vorantreibt und die Kluft zwischen Armen und Reichen national wie international verbreitert und vertieft. Es bedeutet schließlich, in beständiger Anstrengung die Tugend der Toleranz einzuüben, Toleranz jedem gegenüber, so lange sein Denken und Tun im Einklang steht mit der Achtung der Würde und der unveräußerlichen Rechte der Mitmenschen.

Verpflichtung zur Loyalität


Es zählt zu den geläufigsten Irrtümern terroristischer Wirrköpfe, den durch Toleranz eröffneten Freiraum als die verwundbarste Stelle einer offenen Gesellschaft zu verstehen. Aber gerade sie lohnt allen Einsatz, sie gilt es zu verteidigen, im Alltagsleben und im Ernstfall, vor allem durch die Zivilcourage aller Bürgerinnen und Bürger, die Unbestechlichkeit der Beamtenschaft, die Tapferkeit der Polizei.

Zu solcher tätigen Loyalität und Solidarität mit dem demokratischen Rechtsstaat müssen sich auch die Religionen verpflichten. Das schulden sie ihm als Gegenleistung für den Schutz der Religionsfreiheit, der traditionelle Modelle religiöser Toleranz im christlichen oder islamischen Staat überholt und ablöst. Religionsfreiheit setzt allerdings die neuzeitliche Trennung von Staat und Religion voraus, die der religiöse Integrismus jeglicher Spielart rigoros ablehnt. Religion in der Moderne indessen kann sie vorbehaltlos bejahen, schützt sie doch den Staat vor religiöser Anmaßung und die Religion vor dem Missbrauch staatlicher Macht.

In einer Verlautbarung, die Al Qaeda nach dem 11. September an die Adresse der Amerikaner gerichtet hat, heißt es: Wir "sind die Nation, die den Tod mehr liebt als ihr das Leben". Dieser eine Satz enthält die ganze perverse Wahrheit des - islamischen - Terrorismus und in dichtester Form, worin er sich in Bezug auf die westlichen Demokratien täuscht. Der Kampf gegen den Terrorismus entscheidet sich daran, ob es gelingt, hinreichend viele Menschen für die Erkenntnis zu gewinnen, dass niemand die nicht immer leicht zu ertragende Welt menschlicher gestalten kann und wird, der den Tod mehr liebt als das Leben.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau online 2004
Dokument erstellt am 18.04.2004 um 17:13:00 Uhr
Erscheinungsdatum 19.04.2004 

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