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Kardinal Walter Kasper zu Besuch in Aachen (Juni 2007)
Besuch des Benefizkonzerts "Orient-Okzident" / Festvortrag "Neuevangelisierung Europas"

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 175-jährigen missio-Jubiläum war Kardinal Walter Kasper vom 3.- 4. Juni zu Gast in Aachen. Bereits am Sonntagabend hatte Kardinal Kasper als Schirmherr der Stiftung Agora ein Benefizkonzert der Stiftung für interkulturellen Dialog und Religion besucht. – Neben seinem Grußwort an die Zuhörer dieser Benefizveranstaltung mit dem gehaltvollen Titel "Orient-Okzident" hielt Kardinal Kasper einen vielbeachteten Festvortrag in der RWTH Aachen zum Thema "Neuevangelisierung Europas".    

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nur zur privaten Nutzung 

Neuevangelisierung Europas

Kardinal Walter Kasper

I. Kirche, wohin gehst du?

"Kirche, wohin gehst du?" So fragen gegenwärtig viele. Fast alles ist in raschem  Umbruch. Schon vor 40  Jahren stellte das II. Vatikanische Konzil fest: Heute steht die Menschheit in einer neuen Epoche ihrer Geschichte, in der tiefgehende and rasche Veränderungen Schritt um Schritt auf die ganze Welt übergreifen." (GS 6). Der Wandel hat sich in der Zwischenzeit beschleunigt. Doch im Unterschied zu den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts bewirkt der Wandel heute statt großer utopischer Erwartungen bei  vielen Verunsicherung und Zukunftsängste. Es fehlt an Zukunftsperspektiven. Die utopischen Energien scheinen erschöpft zu sein..

Junge Menschen befinden sich heute in einer völlig anderen Situation als ich sie als junger Gymnasiast erfahren habe. Ich habe damals die Stunde Null, den totalen Zusammenbruch von 1945, erlebt. Nicht nur Deutschland, ganz Europa lag in Trümmern, es lag physisch wie moralisch am Boden. Doch ein Grund zur Mutlosigkeit und zum Verzweifeln war das für uns nicht. Wir krempelten – buchstäblich und nicht nur bildlich – die Ärmel hoch.

Heutige Jugendliche können sich nicht mehr vorstellen, was es für mich und viele meiner Altersgenossen bedeutete, als Konrad Adenauer, Robert Schuman, Alcide de Gaspari und andere die Idee eines geeinten Europas formulierten. Sie wollten Europa aus der tiefsten Krise seiner Geschichte herausholen and mit den Werten des Christentums auf den Ruinen des zweiten Weltkrieges ein erneuertes vereintes Europa als Grundzelle einer neuen Friedensordnung bauen.

Die Gründerväter Europas waren überzeugte Christen: sie trauten der christlichen Tradition Europas eineerneuernde Kraft zu. Aber sie waren keine rückwärtsgewandten Romantiker, die von der Wiederherstellung des karolingischen Abendlandes träumten. Sie wussten, dass die christentümliche Gesellschaft des Mittelalters der Vergangenheit angehört. Sie waren überzeugte Demokraten, welche die neuzeitlichen Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in sich aufgenommen hatten; nach der menschenverachtenden Tyrannei des Nationalsozialismus und  angesichts der damals radikalen Bedrohung der Freiheit durch den sowjetischen Kommunismus ging es ihnen um die unveräußerlichen Menschenrechte, insbesondere die Religionsfreiheit; die Unterscheidung von Staat und Kirche war ihnen selbstverständlich. Sie setzten auf die ökumenische und politische Zusammenarbeit der Konfessionen. Für uns Junge war dies ein hoffnungsvoller Neuanfang, eine zukunftsweisende Perspektive.

Ich habe meine Europabegeisterung von damals bis heute nicht aufgegeben. Jedes Mal wenn ich bei Straßburg über die Europabrücke fahre, erinnere ich mich daran, wie schwierig das für uns Deutsche war, als ich nach dem Krieg als 14-Jähriger mit dem Fahrrad die Grenze erstmals überquerte. Ähnlich geht es mir, wenn ich heute von West- nach Ostberlin fahre und daran denke, wie oft ich an der Friedrichsstraße meinen Pass abgeben und mit einem schäbigen Nümmerchen in der Hand warten musste. Inzwischen ist über den Schützengräben und Bombentrichtern, über den Konzentrations- und Vernichtungslagern und der Mauer von damals Versöhnung geschehen. Das zeigt: aus Visionen können Wirklichkeit werden. 

Trotzdem – inzwischen ist ebenso klar geworden: ein Europa, das sich zu christlichen Werten bekennt und darauf aufbaut, das den Gottesbezug in die Verfassung aufnimmt, das dürfen wir realistischer Weise zumindest fürs erste leider nicht erwarten. Europa ist daran, sich und seine Geschichte zu verleugnen und damit womöglich seine Zukunft zu verspielen. Denn ohne das Christentum wäre Europa nie zu Europa geworden, und ohne das Christentum wird es nicht mehr Europa sein.

Um so wichtiger war es für meine Generation, dass wir einen zweiten Aufbruch erleben durften, als Johannes XXIII am 25. Januar 1959 das II. Vatikanische Konzil ankündigte. Ich erinnere mich lebhaft, wie es uns elektrisierte, als ich mit Freunden am Radio (Fernsehen mit Tagesschau gab es noch nicht) die Nachricht hörte, Papst Johannes XXIII habe in S. Paul vor den Mauern eine römische Synode, die Revision des Kirchenrechts und ein ökumenisches Konzil angekündigt. Das schlug ein wie eine Bombe. Niemand hatte damit gerechnet. Die Erwartungen und Hoffnungen schossen ins Kraut. Viele erwarteten nach dem Konzil einen religiösen und kirchlichen Aufbruch und einen neuen kirchlichen Frühling.

Das Konzil hat mit der Reform der Liturgie, der Betonung der Bibel, der Beteiligung der Laien, der Ökumene u.a. viele gute Früchte gebracht. Doch die Hoffnungsträume sind nur teilweise aufgegangen. Statt zu dem erwarteten Frühling ist es in Westeuropa nach 1968 frostig geworden, und es ist zu einer Erosion des kirchlichen Lebens gekommen. Die Kirchen sind leerer geworden, die private wie die öffentliche Moral haben sich weitgehend von der Lehre der Kirche abgekoppelt. Der Nachwuchs an geistlichen Berufen ist fast überall spärlich. Eine pluralistische Situation, ein Markt religiöser Angebote ist entstanden, der in mancher Hinsicht an die spätantike römische Welt erinnert. Die Kirche ist nicht mehr der alleinige Sinnanbieter. Viele Seelsorger und viele engagierte Laien sind mutlos geworden. Sie fragen, wie es weitergehen soll.

Es führt kein Weg daran vorbei: Europa ist Missionsland geworden. Weitsichtige Bischöfe und Theologen hatten das schon vor und während des II. Weltkriegs erkannt. P. Alfred Delp hat bereits 1942 in Fulda von Deutschland als Missionsland gesprochen; in Frankreich wurde diese These eher radikaler, vor allem in dem geradezu prophetischen Hirtenwort des Kardinal E.C. Suhard "Essor ou déclin de l’Église" (1947) vertreten. Man erkannte die Dringlichkeit einer grundlegenden pastoralen Erneuerung. In Frankreich führte das zur "Mission de Paris" und zur "Mission de France".[1]Im Herbst 2004 haben sich die deutschen Bischöfe diese Analyse – leider insgesamt folgenlos – zu eigen gemacht.[2]

In einer solchen Krisen- und Umbruchsituation ist vor allem eine Vision nötig, die Hoffnung gibt und Kräfte neu mobilisiert. Jeder einzelne, jede Gemeinschaft und jedes Volk sind nur dann überlebensfähig, wenn sie von einer Vision beseelt sind und einen Traum in sich tragen. Dies gilt auch von der Kirche. Visionen sind freilich nur dann keine Illusionen, wenn sie mit der Realität zu tun haben und ihr standhalten. Sie sind aber nur dann keine wirklichkeitsfremden Utopien, wenn sie Vergangenes aufarbeiten und nicht – wie das bei manchen Kirchenträumen leider der Fall ist – sozusagen auf der grünen Wiese eine neue Kirche konstruieren, die geschichtlich ortlos, d.h. utopisch ist.   

Die Kirche braucht ihre Vision nicht neu zu erfinden; sie ist ihr in der Botschaft Jesu vom Kommen des Reiches Gottes von allem Anfang an vorgegeben (Mk 1,14 f): Die Hoffnung gehört sozusagen zu ihrer Gründungesgeschichte; sie ist ihr ins Herz geschrieben. Das letzte Buch der Hl. Schrift nimmt diese Hoffnung nochmals auf: "Seht, ich mache alles neu" (Offb 21,5). Von dieser eschatologischen Hoffnung lebt die Kirche. Woran es mangelt ist, dass es wenig gelingt, diese Hoffnung in eine konkrete Vision und in eine konkrete pastorale Perspektive für die konkrete geschichtliche Zukunft zu übersetzen. Die Kirche muss den Traum, der seit eh und je in ihr steckt, in produktiver und schöpferischer Weise in den Realitäten von heute verwirklichen. In diesem Sinne geht es um eine "in die Zukunft hinein sich erbauenden Kirche".[3]    

Der Schlüsselbegriff und das Leitwort, sozusagen die Vision für eine heutige und morgige Pastoral, lautet: Neue Evangelisierung. Dieses Programm wird von den einen, besonders von den neueren Bewegungen, begeistert aufgegriffen, von anderen, die sich oft als progressiv verstehen, wird es dagegen misstrauisch als reaktionär beäugt. Fragen wir darum, was ist damit gemeint?

II. Evangelisierung und Neuevangelisierung   

Evangelium und evangelisieren sind biblische Grundworte. Sie finden sich schon bei den alttestamentlichen Propheten; sie sind zentral bei Jesus wie bei Paulus. [4]Jesus definiert seine eigene Sendung kurz und bündig als" evangelisare pauperibus" (Lk 4,18). Markus fasst Jesu ganze Botschaft zusammen: "Er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium" (Mk 1,14 f). Paulus bezeichnet sich als "Apostel auserwählt, das Evangelium zu verkünden" (Röm 1,1; vgl. 1 Kor. 1,17).

Evangelium ist kein Buch; es ist ein nomen actionis, ein wirksames Wort, welches das, was es bezeichnet, auch bewirkt. Im Evangelium wird Gottes Herrschaft innerweltlich offenbar und geschichtlich wirksam gegenwärtig. Evangelisierung ist eine die Gegenwart um- und neu gestaltende, dynamisch in die Zukunft drängende Kraft, durch die sich Gottes Herrschaft mitten in Bedrängnissen und unter Verfolgungen in der Welt Bahn bricht und mit ihr Leben, Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden (schalom). Sie ist Botschaft von der Hoffnung, die heute Mangelware geworden ist.

Schon bald ist aus dem Evangelium ein Buch geworden; damit ging der ursprüngliche Sinn des lebendigen, Leben weckenden Evangeliums weithin verloren. [5]In den protestantischen Erweckungsbewegungen, vor allem im Methodismus und Pietismus, ist der Begriff Evangelisierung bzw. Evangelisation wieder lebendig geworden. Den Erweckungsbewegungen ging es darum, "tote" Christen wieder zu erwecken,[6]also um das, was wir heute mit Neuevangelisierung bezeichnen. Auf katholischer Seite entspricht dem die Praxis der in regelmäßigem Abstand in jeder Pfarrei durchgeführten Volksmission.[7]Nachdem man diese Praxis weitgehend aufgegeben oder durch andere Formen, etwa die Gemeindemission bzw. Gemeindeerneuerung, ersetzt hat, ist sie heute wieder im Kommen. Sie wurde jüngst in großem Maßstab in Stadtmissionen in Lissabon, Paris, Wien und in anderen Großstädten durchgeführt. Ich hoffe, diese Beispiele machen Schule.

In der ökumenischen Bewegung war der Begriff der Evangelisierung von Anfang an präsent. Es war ja die Missionskonferenz von Edinburgh im Jahr 1910, die den Anstoß zur modernen ökumenischen Bewegung gab. Die dort versammelten Missionare waren gemeinsam der Überzeugung, dass die Spaltung der Christenheit das stärkste Hindernis der Weltmission ist. [8] So galt Evangelisierung als "das ökumenische Thema par excellence" (Vissert’ Hooft). Besonders bei der vierten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Uppsala im Jahr 1968 standen der missionarische Auftrag und die missionarische Verkündigung im Vordergrund. Heute sind es die "evangelicals", welche, anders als die viel zu sehr mit sich selbst beschäftigten Großkirchen, die Missionsidee wach halten; während die traditionellen evangelischen Großkirchen weltweit abnehmen, sind sie weltweit im Wachsen, teilweise in rasantem Wachstum begriffen.

Auf katholischer Seite finden sich die Begriffe "evangelisieren" und "Evangelisation" offiziell erst wieder in den Texten des II. Vatikanischen Konzils (1962-1965). Die Grundlage bietet die Offenbarungskonstitution "Dei Verbum"; sie macht deutlich, dass Evangelisierung nicht Indoktrination, sondern geisterfülltes Zeugnis durch Wort und Tat und durch das ganze Leben der Kirche (DV 7f). Sie ist besonders den Bischöfen aufgetragen (LG 24f), aber auch den Laien; diese sollen die konkrete Lebenswelt mit dem Geist des Evangeliums durchdringen (LG 34; AA 2). In diesem umfassenden Sinn kann das Konzil sagen: "Die Kirche ist ihrer Natur nach missionarisch" (AG 2).

Diesen Satz kann man gar nicht oft genug wiederholen. Denn Mission ist das Gegenteil von Selbstgenügsamkeit und Selbstbeschäftigung; Mission bedeutet Aufbruch, ist Grenzüberschreitung und ... Horizonterweiterung. Darin sind Mission und Ökumene Zwillinge. Ökumene will die Grenzen der eigenen Kirche auf die anderen Kirchen hin überschreiten; Mission überschreitet die Grenzen zur Welt und zu den anderen Religionen.

Zum eigentlichen Durchbruch kam es erste nach dem Konzil in dem Apostolischen Schreiben von Papst Paul VI. "Evangelii nuntiandi" aus dem Jahr 1975. In Deutschland hat man dieses Dokument lange Zeit – man muss es leider sagen – verschlafen. In diesem zukunftsweisenden Schreiben sagt Paul VI.: "Evangelisieren ist in der Tat die Gnade und eigentliche Berufung der Kirche, ihre tiefste Identität. Sie ist da, um zu evangelisieren" (EN 14). Nach dem Papst entsteht die Kirche aus der Evangelisierung; sie ist das für die Evangelisierung, sie muss aber auch selbst immer wieder neu evangelisiert werden (EN 15). Paul VI. denkt besonders an die Evangelisierung der Kulturen. Denn für ihn ist der Bruch zwischen Evangelium und Kultur das Drama unserer Zeit (EN 20). Entsprechend geht es in der Evangelisierung um eine neue Inkulturation des Evangeliums.

"Evangelii nuntiandi"war ein Startschuss und es brachte die Lawine ins Rollen. Rasch wurde der Begriff Evangelisierung in Lateinamerika, Afrika und auf den Philippinen aufgegriffen. Er hat in das Abschlussdokumente der Lateinamerikanischen Bischofsversammlung in Puebla "Die Evangelisierung Lateinamerikas in Gegenwart und Zukunft" (1979) Eingang gefunden. Dort war er mit der vorrangigen Option für die Armen und für die Jugend verbunden. Seither findet er sich in vielen Bischofsynoden und Bischofskonferenzen, besonders in der Konferenz der europäischen Bischofskonferenzen.[9] 

Papst Johannes Paul II. hat das Thema der Evangelisierung zu einem festen Bestandteil vieler seiner Botschaften gemacht. Am ausführlichsten tat er dies unter dem Begriff "Mission" in der Missionsenzyklika "Redemptoris missio" "Über die fortdauernde Gültigkeit des missionarischen Auftrages" (1990). Die Enzyklika legt dar, dass die Mission sich nicht nur auf unterschiedlich geographische Bereiche, sondern auch neue soziale Welten und Milieus, auf die Bereiche der Kultur, besonders die Massenmedien, bezieht. Sie wiederholt die Aussage von Papst Paul VI., dass der Bruch zwischen Evangelium und Kultur das Drama unserer Zeit ist (RM 37).

Der Papst unterscheidet drei Situationen: Die Erstmission (missio ad gentes);  sie geschieht dort, wo das Evangelium noch nicht bekannt ist; – die normale Seelsorgetätigkeit, dort wo die Kirche in Gemeinden lebt und solide Strukturen besitzt; – und schließlich die neue Evangelisierung in Ländern alter christlicher Tradition, in denen ganze Gruppen von Getauften den lebendigen Glauben verloren haben, sich nicht mehr als Glieder der Kirche verstehen und sich von Christus und vom Evangelium entfernt haben (RM 33). Die Grenzen zwischen den drei Kategorien sind naturgemäß fließend. Denn die Mission nach innen ist glaubwürdiges Zeichen und Anreiz für die Mission nach außen (RM 34). Umgekehrt sind viele heutige Schwierigkeiten der Mission nach außen im mangelnden Eifer, in der Müdigkeit, Bequemlichkeit, im mangelnden Interesse, in der mangelnden Freude und Hoffnung begründet, die leider auch unter Christen verbreitet sind (RM 36).

Zusammenfassend: Unter dem Leitwort Evangelisierung geht es um die grundlegende Sendung der Kirche. Evangelisierung ist kein Sonderkonzept für bestimmte geographisch abgrenzbare Regionen; sie ist der Weg, das apostolische Erbe zu kontextualisieren und es für das Heute aufzuschließen. Mit diesem "Programm" will die Kirche im gegenwärtigen Sinnvakuum ihre ureigenste "Sache" in die Auseinandersetzung der um Einfluss streitenden Orientierungsmächte einbringen. [10]Damit daraus kein ideologisches Programm und eine einseitige politische Parteinahme wird,[11]muss sie mit dem gefüllt werden, was die biblische Botschaft unter Evangelisierung versteht: Die Botschaft vom Kommen des Reiches Gottes durch Kreuz und Auferweckung Jesu Christi. Diese christozentrische Konzentration ist das besondere Anliegen des gegenwärtigen Papstes.[12]

III. Neue Evangelisierung als Antwort auf eine neue Situation

Wenn wir heute nicht bloß von Evangelisierung, sondern von "Neuer Evangelisierung" sprechen, dann entspricht dieser Neologismus der neuen Situation, in welcher wir uns heute zwar nicht nur in Europa, aber doch besonders in Europa befinden. In Teilen Afrikas und besonders in Asien geht es um die Erstevangelisierung, also darum, dem Evangelium in den dortigen Kulturen erstmals Gehör und Raum zu verschaffen. Diese Kulturen hatten bis dahin keine Beziehung zum Christentum, sind aber traditionell religiös geprägt. Anders in den Ländern Europa. Sie haben eine reiche, viele Jahrhunderte zurückreichende christliche Geschichte hinter sich. Europa ist gar nicht denkbar ohne Männer und Frauen wie Martinus, Benedikt und Scholastika, Methodius und Kyrill, Bonifatius und Walburga, Ulrich, Adalbert, Ansgar, Brigitta von Schweden, Elisabeth von Ungarn und Thüringen, nicht ohne Martin Luther und die Reformatoren und viele andere. Ohne sie wäre das Haus Europa nie aufgebaut worden.

Europas Geschichte ist freilich nicht nur eine Heiligengeschichte, sondern auch eine Schuldgeschichte. Europa hat sein großartiges Erbe oft verraten: in den Kreuzzügen, in den Religionskriegen, in denen sich Lutheraner und Katholiken befehdet und Europa an den Rand des Ruins gebracht haben, in der Kolonisationsgeschichte, die auch eine Ausbeutungsgeschichte war, in den beiden Weltkriegen und in den beiden menschenverachtenden totalitären Systemen des 20. Jahrhunderts, dem Nazismus und dem sowjetischen Kommunismus, in der Shoah, der staatlich geplanten und ins Werk gesetzten Ermordung von 6 Millionen Juden mitten in Europa. 

Was man als neuzeitliche Säkularisierung bezeichnet, ist auch eine Reaktion auf die Religionskriege. Nachdem die Glaubensstreitigkeiten Europa an den Rand des Ruins gebracht hatten, musste man den öffentlichen Frieden unter Absehung vom Glauben auf die allen gemeinsame Vernunft gründen. Man musste die Religion aus dem öffentlichen Bereich verbannen und zur Privatsache erklären. Dieser Vorgang war mit einem Relevanzverlust der Religion und der Kirchen verbunden, weite Bereiche der Kultur und der Wissenschaft und viele Milieus wurden dem christlichen Glauben entfremdet. Gott ist in Europa ein Fremder geworden.[13]Deshalb bedarf Europa einer erneuerten und erneuernden Evangelisierung. (Unter ganz anderen geschichtlichen Voraussetzungen gilt dies auch von Lateinamerika, ein Problemkomplex, den wir hier ausklammern).

Man muss sich freilich vor der Gefahr allzu einfacher Schlagworte hüten. Bei der Säkularisierung handelt es sich um einen komplizierten, im einzelnen recht unterschiedlich verlaufenden Transformationsprozess. Es ist darum zu einfach, nur von Entkirchlichung, Entchristlichung, Religionsverfall und Gottlosigkeit zu sprechen. Besser beschreibt man den Prozess der Entsakralisierung (M. Weber) des öffentlichen und kulturellen Lebens wertfrei und neutral als Differenzierungsprozess (N. Luhmann), in dem sich die weltlichen Bereiche, besonders Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft, Staat von der früher alles umfassenden und alles normierenden Vorherrschaft der Religion emanzipiert haben und eine vom II. Vaticanum als legitim bezeichnete Autonomie gewonnen haben. 

In dieser Perspektive kann man durchaus auch positive Aspekte erkennen. Die Kirche hat an äußerer Macht verloren, dafür ihre Unabhängigkeit und ihre innere Freiheit zurückerhalten und an geistlicher und moralischer Autorität gewonnen. Es kam außerdem zu einer Freisetzung des Individuums. Denn in dem Maße als die Religion nicht mehr durch Geburt in einer christlichen Familie und durch die gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt ist, wird die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion oder Kirche zur Sache einer persönlichen Entscheidung. Damit war der Weg vom Nachwuchschristentum der Volkskirche zu einer zahlenmäßig zweifellos kleineren, aber qualitativ stärkeren Kirche entschiedener Christen vorgezeichnet.

Wir haben deshalb keinen Grund, die moderne Entwicklung einseitig negativ zu beurteilen. Wir sind keine "Aussteiger", und jeder grundsätzliche Kulturpessimismus sollte uns ferne liegen. Wie die Kirche alles Wahre, Gute und Schöne der anderen Religionen bejaht, reinigt und zur Erfüllung bringt (NAE 2), so kann sie auch das Gute der neuzeitlichen Entwicklung anerkennen. Sie anerkennt damit die in der Schöpfung begründete legitime Autonomie der weltlichen Sachbereiche (GS 36; 41; 56; 76). Die "Erklärung über die Religionsfreiheit" sagt darum anerkennend, dass den Menschen unserer Zeit die Würde der menschlichen Person immer mehr zum Bewusstsein kommt (DH1).

Eine differenzierte Bewertung der neuzeitlichen Entwicklung heißt freilich nicht, ins gegenteilige Extrem zu verfallen und die Verweltlichung der Welt statt als Entchristlichung naiv als Verchristlichung zu begrüßen. Die positiven Früchte der Neuzeit haben sich im Prozess der Säkularisierung vom christlichen Stamm gelöst; als vom Baum gefallene Früchte sind sie in der Gefahr, faul und giftig zu werden. Dies ist in unserer Post- bzw. Spätmoderne tatsächlich geschehen. Die Freisetzung des Individuums ist zum Individualismus geworden, für den es keine allgemein verbindlichen Werte mehr gibt und der alle großen Ideale mit Misstrauen betrachtet. Daneben gibt es harten, geradezu missionarisch auftretenden kirchenfeindlichen Atheismus bzw. Laizismus, [14] der sich auch politisch artikulierte, etwa in der kategorischen Ablehnung der Nennung des Gottesbezugs und der jüdisch-christlichen Wurzeln Europas in einer europäischen Verfassung. Das Reich Gottes leidet auch heute Gewalt.

In einer "Dialektik der Aufklärung" (Th. W. Adorno) ist freilich der Preis offenkundig geworden, den wir für den Fortschritt zahlen müssen. In dem Augenblick, in dem die Rationalität ihre Verankerung im biblischen Gottesglauben aufgibt, wird sie wurzel-, heimat- und weithin orientierungslos. Sie wird zur rein instrumentellen Vernunft, die dem guten Gebrauch wie dem Missbrauch dienstbar sein kann. Mit Hilfe der modernen Technik kann man hochmoderne Krankenhäuser wie Atombomben bauen. Man kann die Natur kultivieren oder sie ausbeuten und ausplündern und die natürliche Lebenswelt zerstören.

Es ist das Drama des Humanismus ohne Gott (H. de Lubac) und seine Tragik, dass er mit dem christlichen Glauben auch die Grundlagen der Aufklärung und ihre positiven Ideale in Frage stellt und am Ende die Moderne der Gefahr ihrer Selbstzerstörung aussetzt. Durch die radikale Emanzipation der Welt und ihrer einzelnen Bereiche werden diese ihres letzten Sinnes beraubt. Es fehlt ihr das verbindende Band; sie ist zur Fremde, leer und kalt geworden. Genau so hat F. Nietzsche die Folgen des Todes Gottes beschrieben: "Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wohin bewegt sie sich nun? Wohin bewegen wir uns? ... Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?"[15]

Inzwischen spricht man freilich auch von einer Dialektik der Säkularisierung.[16]Mit einer zur Fremde gewordenen, sinnentleerten Welt mag sich der Mensch nicht abfinden. Die Erwartung, die Religion werde absterben, hat sich nicht bewahrheitet; im Gegenteil, sie hat sich als erstaunlich aufklärungsresistent erwiesen. Nicht die Religion, sondern die Säkularisierungsthese hat sich als Aberglaube erwiesen. Die Theorie von der irreversibel fortschreitenden Säkularisierung mag heute niemand mehr vertreten. Amerikanische Religionssoziologen sprechen schon länger vom Fortbestand der Religion (persistence of religion). Man entdeckte, dass die Religion ein Potenzial von Sprach- und Deutungsmustern bereithält, um Erfahrungen zu benennen und zu deuten, die sonst sprachlos bleiben und fassungslos machen. So ist inzwischen von einer postsäkularen Situation die Rede. [17] Man spricht sogar von einer Wiederkehr der Religion, ja von einer Wiederkehr Gottes.[18]Gott ist sozusagen wieder salonfähig geworden.

Aber Vorsicht! Es handelt sich um einen ambivalenten Vorgang. Er führt keineswegs ohne weiteres zum christlichen Gottesglauben zurück und füllt nicht einfach die leerer gewordenen Kirchen. Oft führt er zu einer vagen, diffusen, frei flottierenden Religiosität, zu einer individualistischen Beliebigkeits- und einer synkretistischen Bastelreligiosität. So muss man fragen: Ist es wirklich Gott, der zurückkommt, oder handelt es sich nicht eher um die Wiederkehr alter Götter bzw. Götzen? Geht es vielleicht nur um eine narzistische Selbstverliebtheit, die das Göttliche in uns, aber nicht Gott über uns sucht? Schon Max Weber hat gesagt: "Die alten vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und gewinnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf".[19]So ist es vielleicht angemessener, mit Nietzsche von einer neuen Götterdämmerung zu sprechen.[20]

Die entwurzelte Religiosität meldet sich in verschiedensten neureligiösen Bewegungen und Sekten zu Wort. Eine diffuse, teilweise geradezu chaotische postmoderne Religiosität wendet sich teilweise wieder dem Mythos, dem Spiritismus und dem Okkultismus zu; sie läuft teilweise auf einen "religionsförmigen Atheismus" hinaus (J. B. Metz). Religiöse Gefühle können sich pseudoreligiös an die unterschiedlichsten Bereiche anhängen und zur Vergötzung innerweltlicher Werte wie Staat, Kunst, Sport u.a. führen. Das kann bis zum religiös bemäntelten Terrorismus gehen. Eine schlimmere Verkehrung der Religion als deren Instrumentalisierung zum Terror kann man sich kaum denken. Auf der anderen Seite gibt es die Versuchung zu einer konservativen bzw. neokonservativen Zivilreligion, welche das Bestehende sanktioniert oder gar dessen aggressive Durchsetzung und kriegerische Ausweitung rechtfertigt. 

So haben wir es einerseits mit einer weiterhin säkularisierten, technisch hochentwickelten Welt zu tun, die nach Regeln einer instrumentellen, im empirisch Feststellbaren, verhafteten, strukturell atheistischen Vernunft funktioniert und die weithin an Profit und Interessen ausgerichtet ist, andererseits mit einer eher privaten freizeit- und hobbymäßigen, emotional geprägten, aber reflexionsscheuen diffusen, oft chaotischen Religiosität. Der Pathologie der Vernunft entspricht eine pathologische Religiosität. Gott scheint weltlos und die Welt gottlos geworden zu sein. Unsere westliche Welt ist gleichsam in eine Sonntags- und in eine Werktagswelt gespalten (Hegel). Es ist zu einem Schisma von Gott und Welt, von Glauben und Denken gekommen.[21] 

Hier setzt die Neuevangelisierung an; sie zielt auf eine zweite Bekehrung. Doch schon die Kirchenväter wussten, dass die zweite Bekehrung schwerer ist als die erste. Die erste Bekehrung geschieht – so sagen sie – durch das Wasser der Taufe; die zweite durch die Tränen der Reue und der Buße. Die zweite Evangelisierung muss die Verkrustungen, Verhärtungen und Verstockungen mühsam auflösen und die Wunden heilen, welche auf Seiten der Kirche wie der modernen Welt entstanden sind. Auf Seiten der Kirche gilt es, eine einseitig defensive Haltung gegenüber der Moderne zu überwinden und aus der tödlichen Lethargie herauszufinden. Auf Seiten der modernen Welt gilt es, vieles zu entgiften, was sich in unserer säkularisierten Zivilisation gegenüber dem Christentum und den Kirchen aufgebaut hat. Der Neuevangelisierung muss die religiöse Dimension, welche die erste Evangelisierung voraussetzen und an der sie anknüpfen konnte, erst wieder mühsam freilegen.

Unter dem Leitwort der Neuevangelisierung geht es also um Evangelisierung in den schwierigen und komplexen Verhältnissen unserer post- bzw. spätmodernen Situation. Sie ist kein Weg zurück ins vermeintlich dunkle Mittelalter; sie will vielmehr einen Ausweg aus der verfahrenen Situation zeigen. Sie will die Moderne vor der Gefahr ihrer Selbstzerstörung durch sie selbst bewahren und versteht sich als Ferment der Freiheit, des wahren Fortschritts und der Hoffnung. Sie erstrebt einen neuen Humanismus und eine neue Zivilisation der Liebe.

IV. Einige pastorale Konkretionen 

Nach dieser lang geratenen Analyse sollen nun einige pastorale Konkretionen folgen. Diese kann ich nur gleichsam im Staccato und rhapsodisch geben. Ich bitte um Nachsicht, wenn ich mich dabei im Wesentlichen auf einige pastorale Steckenpferde beschränke, die ich bewusst etwas pointiert formulieren möchte. Sie sind nicht am Schreibtisch ausgedacht; sie entspringen 10 Jahren pastoraler Erfahrung als Bischof, darunter vielen Reisen in die so genannte Dritte Welt, und der weltweiten Erfahrung der letzten 8 Jahre, in denen ich mir gar nicht (wie manche fälschlicherweise glauben) als ökumenischer Diplomat, sondern eher als Pfarrer in der weiten Welt vorkomme. 

1. Christologische Konzentration. Der christliche Glaube ist kein System von abstrakten Katechismussätzen. Sein Gegenstand ist eine konkrete Person, Jesus Christus, auf dessen Antlitz uns das Antlitz des lebendigen Gottes aufleuchtet, des Gottes, der bis ans Kreuz geht, und der auch und gerade in den dunkelsten Stunden mit uns und bei uns ist. Neuevangelisierung ist also primär Einführung in die Freundschaft mit Jesus und in die Nachfolge Jesu. Das Evangelium ist Evangelium von Jesus Christus (Röm 1,1-6). Es geht nicht um Weltweisheit, sondern allein um Jesus Christus und als Gottes Weisheit (1 Kor 1,18-2,15), als Weg, Wahrheit und Leben (Joh 14,6).[22] 

Man kann freilich nur lieben, was man kennt, und was man liebt, will man auch besser und tiefer kennen. Doch wo geschieht solche Einführung, die man traditionell Katechese nennt, bei uns? Sie ist seit apostolischer Zeit eine Grundverpflichtung der Bischöfe und der Pfarrer. Kirchenväter wie Augustinus, die große Theologen waren, waren sich dafür nicht zu schade. Die Missionskirchen haben diese Tradition bewahrt und leiten daraus einen Gutteil ihres Missionserfolgs ab.

Doch bei uns ist die Taufkatechese nur minimal ausgebildet, der Religionsunterricht kann diese Einführung unter heutigen Bedingungen nicht leisten, die Hinführung zur Erstkommunion und zur Firmung leistet sie (von wenigen Ausnahmen, die es gibt) ebenfalls nicht, die Erwachsenenbildung beschäftigt sich meist mit anderen Dingen und treibt manchmal leider Allotria. Oft winken wir die jungen Leute einfach durch. Obwohl die Katechese eine der ersten Pflichten des Bischofs und des Pfarrers ist, wird sie gewöhnlich an dafür nicht ausgebildete Laien delegiert. Dieser Ausfall wirklicher und systematischer Katechese ist eine der empfindlichsten Mangelerscheinungen der Kirche in Deutschland. Bei solcher Mangelernährung kann nur ein schwindsüchtiger Glaube die Folge sein. Wir müssen von der alten Kirche und den Missionskirchen lernen.[23] 

2. Die Kirche ist der Lebens- und Erfahrungsraum des Glaubens; Einführung in den Glauben ist daher Einführung in das Leben der Kirche. Konkret erfahrbar wird die Kirche normalerweise in der Gemeinde. Sie ist Kirche vor Ort. Es ist der eine Jesus Christus, der in jeder Gemeinde gegenwärtig ist; deshalb kann sich keine Gemeinde isolieren; jede Gemeinde ist Kirche nur als Glied der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche. Gemeindechristentum ohne Kirchsein ist ein Widerspruch in sich. Es bedarf zumal heute eines Christseins in Weltperspektive und im Weltformat und damit einer weltkirchlichen, d.h. katholischen Dimension. 

Wir wissen freilich auch um die Gemeindeprobleme wegen des Priestermangels, aber nicht nur wegen des Priestermangels, sondern auch aus den bekannten demographischen Gründen, wegen der Flexibilität der Gemeindemitglieder u.a. Gemeinde- und Pfarrgemeinschaften bzw. Seelsorgeeinheiten sind in dieser Situation eine notwendige, aber keine wirklich befriedigende Übergangslösung. Auf längere Sicht wird man vom Gießkannenprinzip weg hin zu einer Konzentration und Bündelung der Kräfte in Mittelpunktskirchen kommen müssen. In ihnen kann man dann am Sonntag statt eines reduzierten und ausgedünnten ein volles kirchliches Leben erfahren. Dazu bedarf es der Hauskirchen, der kleinen Gemeinschaften (small communities), der Gruppen, der Bewegungen usw., um in der Großkirche bzw. in der Großpfarrei wirklich zu Hause zu sein.

An zentralen Orten zu beginnen, war die missionarische Methode des Apostels Paulus. Mittelpunkte zu schaffen, war der Weg der Erstmission; sie ging von Klöstern und Stadtkirchen aus. Für die neue Evangelisierung sehe ich keinen anderen Weg. In den Missionskirchen ist dieses "System" bis heute weithin selbstverständlich, etwas anderes ist dort gar nicht möglich. Hier stehen uns, wenn wir wirklich missionarische Kirche sein wollen, auf längere Sicht einschneidende Strukturreformen ins Haus.[24]

3. Die Ökumene ist Baustelle an der Zukunftsgestalt der Kirche. Sie ist der Auftrag des Herrn, sein Testament, das er uns am Abend vor seinem Tod hinterlassen und auf die Seele gebunden hat (Joh 17,21), sie ist das klare Mandat des letzten Konzils und eine seiner primären Intentionen. Die letzten Päpste haben die Ökumene deshalb ausdrücklich als eine ihrer pastoralen Prioritäten bezeichnet. Dazu gibt es zumal in einer zunehmend eins werdenden Welt keine verantwortliche Alternative. Dass manche wegen augenblicklicher Schwierigkeiten, gelegentlicher Missstimmungen und Missbräuche davon lieber heute als morgen Abschied nehmen möchten, ist darum theologisch und pastoral nicht nachvollziehbar.

Natürlich geht es nicht um irgendeine Ökumene, sondern um Ökumene in der Wahrheit und in der Liebe. Dabei müssen wir von enthusiastischer Naherwartung Abschied nehmen; nach menschlicher Voraussicht werden wir mit längeren Zeiträumen rechnen müssen. Aber es ist heute schon viel mehr möglich als wir meinen und auch als wir gewöhnlich tun. Würden wir das heute schon Mögliche tun, wären wir schon einen wesentlichen Schritt weiter. Wichtig scheint mir vor allem die Ökumene des Lebens und die geistliche Ökumene. Daran kann sich jeder beteiligen; sie ist darum die wahre Basisökumene. Da ich mich dazu jüngst ausführlich geäußert habe, darf ich darauf verweisen und mich kurz fassen.[25]

Christsein und Kirche sind missionarisch oder sie werden nicht mehr sein. Wer nicht wächst, nimmt ab. Wer in der wachsenden Weltbevölkerung nicht zumindest mitwächst, wird zur Minderheit. Wer seinen Glauben liebt, der will davon auch Zeugnis geben und ihn anderen weitergeben und andere daran Anteil nehmen lassen. Mangelnder missionarischer Eifer ist mangelnder Glaubenseifer; umgekehrt wird der Glaube durch Weitergabe stark. Der missionarische Auftrag ist heute alles andere als erledigt; er ist in eine neue Phase eingetreten. Mission ist nicht mehr länger eine Nord-Süd- oder eine West-Ost-Bewegung. Missionarische Grenzüberschreitung ist auch bei uns im Norden und Westen nötig im Blick auf Milieus, die dem Glauben entfremdet sind. Sie ist heute im Normalfall die Aufgabe der jeweiligen Ortskirche.

Nach heutigem Verständnis geht Mission dialogisch vor; sie respektiert die Überzeugung, das Gewissen und die Religion des anderen. Sie will im Dialog aber auch "etwas" mitteilen; sie will das Wertvollste, was wir besitzen, Jesus Christus, den Heiland und Erlöser, den anderen zum Geschenk machen. Es geht also nicht darum, andere zu besseren Muslimen, besseren Buddhisten usw. zu machen, sondern darum, ihnen durch Wort und Tat Jesus Christus zu bezeugen.   

Das Problem begegnet uns derzeit vor allem in der Begegnung mit den Muslimen. Selbstverständlich wollen wir mit ihnen ein gutes und friedliches Auskommen. Aber man darf nicht blauäugig sein und aus einem naiven Harmoniestreben das Konfliktpotenzial und die Schwierigkeiten unterschätzen. Wegschauen hilft nicht; wir müssen die Herausforderung annehmen. Es ist – was wir leider meist vergessen – auch eine missionarische Herausforderung.

Die Schwierigkeiten sind nicht gering. Denn der Islam ist eine nachchristliche Religion, die den Anspruch erhebt, das Christentum zu korrigieren und zu überbieten. Damit sind unweigerlich Spannungen und Auseinandersetzungen angelegt. Der Islam ist außerdem nicht nur eine andere Religion, sondern auch eine andere Kultur, die bislang den Anschluss an unsere moderne westliche Kultur nicht geschafft hat. Der Hass gegen alles Westliche bei den fanatischen Islamisten entspringt auch einem Inferioritätskomplex ; er ist Zeichen von Schwäche und Verzweiflung. Wir sollten deshalb Selbstbewusstsein zeigen.

Es ist kein Dialog, sondern charakterlose Selbstverleugnung, wenn wir in vorauseilendem Gehorsam einknicken und kapitulieren, wenn wir Kreuze abhängen, auf Weihnachtsfeiern verzichten (wo doch auch der Koran eine Weihnachtsgeschichte kennt) bis hin zu dem Schwachsinn, keine Sparschweine mehr auszugeben. Mit solcher Appeasement-Politik werden wir nicht Respekt, sondern zu Recht Verachtung ernten. Nur wer Selbstachtung besitzt, kann auch andere achten.

5. Mission, auch Neumissionierung, sind ein ganzheitlicher Prozess, der die Durchdringung der gesamten Kultur einschließt und mit dem Einsatz für soziale Gerechtigkeit und Frieden verbunden ist. Da die Güter der Erde allen Menschen gehören, müssen Christen weltweit für eine Kultur des Teilens und der Solidarität wie für die Achtung vor der Umwelt als Lebenswelt des Menschen eintreten. In dieser Hinsicht leistet die Kirche in Deutschland mit ihren Werken (Missio, Misereor, Adveniat, Renovabis, Bonifatiuswerk) wie durch viele Projekte einzelner Diözesen und Pfarreien Vorbildliches.

Eine besondere Herausforderung könnte es sein, die Grundlagen dieser großartigen Arbeit zu verteidigen und zu verbreiten: die im christlichen Menschenbild gegründete Idee der allgemeinen Menschenrechte. Sie sind die Grundlage einer universalen Friedensordnung. Sie, besonders das Recht auf Leben, werden durch den postmodernen Relativismus in Frage gestellt. Er betrachtet die Menschenrechte als partikulare europäische Entwicklung und spricht sogar von "Menschenrechtsspießern" des "alten Europa". Das Eintreten für die universal und unbedingt geltende Menschenwürde jedes einzelnen ist unser wichtigster Beitrag zum Weltfrieden. Globalisierung der Wirtschafts- und Finanzmärkte, ja, wenn sie mit einer Globalisierung der Menschenrechte und der Solidarität verbunden ist. Davon sind wir weit entfernt.

Noch ein Wort zum Schluss, das mehr als ein bloßes Nachwort ist. Evangelisieren kann nur eine Kirche, die selbst evangelisiert ist; den Glauben weitergeben kann nur, wer selbst im Glauben stark ist. "Ich habe geglaubt, darum habe ich geredet", so zitiert Paulus Ps 116,10 (2 Kor 4,13). Nur wenn unser Herz voll ist, kann unser Mund überfließen. Es geht also nicht darum, neue Organisationen und Institutionen aufzubauen, neue Planstellen einzurichten und dafür Haushaltsmittel freizustellen, Gremien und Symposien einzuberufen und öffentlichkeitswirksame Aktionen zu veranstalten. Davon haben wir genug. Der Missionsbefehl spricht von Zeugen, die vom Hl. Geist erfüllt sind (Lk 24,48 f; Apg 1,8). Der Geist Gottes ist der eigentliche Promotor und die Seele der ersten wie der neuen Evangelisierung. Er ist es, der Jesus Christus erinnert, verinnerlicht und universalisiert (Joh 14,26; 15,26; 16,13). Die neue Evangelisierung ist darum vor allem eine spirituelle Aufgabe und Herausforderung, eine Aufgabe von heiligmäßigen Christen.

Die Vision, von der wir gesprochen haben, muss in unseren Herzen Wurzeln schlagen. Wir müssen pfingstliches Feuer fangen. Wenn wir erst einmal Feuer gefangen haben, dann wir sich dieses wie ein Buschfeuer fast von selbst unaufhaltsam ausbreiten. Dann wird wahr, was Paulus sagt: "Das Wort Gottes läuft" (2 Thess 3,1). Die neue Evangelisierung Europas wie der Welt fängt bei uns selber an.



[1] H. Godin und Y. Daniel veröffentlichten 1943 den Band "La France, pays de mission"; in der 1942 gegründeten "Mission de France" nahm sie institutionelle Gestalt an. Zur deutschen Situation: M. Sellman (Hrsg.), Deutschland – Missionsland (QD 206, Freiburg i. Br. 2004.   

[2]"Zeit zur Aussaat". Missionarisch Kirche sein (2000). Vgl. K. Lehmann, Umkehr zum Leben für alle. Ursprung und Tragweite der missionarischen Grunddimension des christlichen Lebens, in: ZMR 88 (2004) 199-216.   

[3]So aus dem Geist der Tübinger Schule des 19. Jahrhunderts. Anton Graf in seiner "Kritischen Darstellung des gegenwärtigen Zustands der praktischen Theologie", Tübingen 1941. Ich verdanke diesen Gedanken meinem Lehrer in der Pastoraltheologie, Franz Xaver Arnold (Seelsorge aus der Mitte der Heilsgeschichte, Freiburg i. Br. 1956, 178-194).   

[4]G. Friedrich, Art. e?a???e?????, in ThWNT II, 718- 734; H. Frankenmölle, Evangelium, Evangelien, in: LThK II (1995) 1058-1063.   

[5] Lebendig ist der Begriff besonders bei Irenäus von Lyon (Adv. haereses III, 4,2) geblieben; von da aus hat er eine Wirkungsgeschichte entfaltet, die sich wieder bei Thomas v. Aquin (S.th.I/II q. 106 a. I c.a.) und im Trienter Konzil (DS 1501) findet. Daran knüpft das II Vaticanum an (DV7).   

[6]Vgl. Art. Evangelisation, in TRE X (1982) 636-641; Evangelikale Bewegung, in RGG II (1999) 1694-1699 und Evangelisation, in ebd. 1701-1709.   

[7]Vgl. St. Knobloch, Art. Volksmission, in LThK X (2001) 868 f.   

[8] Vgl. Handbuch der Ökumenik, hrsg. von H.J. Urban und H. Wagner, Bd. 2, Paderborn 1986, 21-24.   

[9]Les évêques d'Europe et la nouvelle évangélisation. Documents rassemblés et présentés par Hervé Legrand, Paris 1991. 

[10]Vgl. P. M. Zulehner, Pastoraltheologie, Bd. 1. Fundamentalpastoral, Düsseldorf 1989, 56.   

[11]Diese Gefahr war zeitweilig im Ökumenischen Rat der Kirchen; vgl. W. J. Hollenweger, Art. Evangelisation, in TRE (1982) 636-641 wie in manchen Strömungen der Befreiungstheologie gegeben.   

[12] Das wird u.a. deutlich in seiner Rede zur Eröffnung der 5. Generalversammlung des Episkopats von Lateinamerika und der Karibik am 13. Mai 2007 in Aparicida/Brasilien.

[13]Vgl. P. Hünermann (Hrsg.), Gott – ein Fremder in unserem Haus? Die Zukunft des Glaubens in Europa (QD 165), Freiburg i.Br. 1996. Zum Ganzen J. Ratzinger, Wendezeit für Europa? Einsiedeln 1991; Europa, i suoi fondamenti oggi e domani, Milano 2004.

[14]Vgl. den jüngsten, sehr polemischen Bestseller von Richard Dawkins, The God Delusion, Oxford 2006. Bestseller dieser Art zeigen, dass es gegenwärtig nicht nur eine Wiederkehr der Religion, sondern auch ein neues Erstarken atheistischer, antichristlicher und antikirchlicher Strömungen gibt.   

[15] F. Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, in: Werke (ed. Schlechta) Bd. 2, München 1955, 127.   

[16]J. Habermas – J. Ratzinger, Dialektik der Säkularisierung. Über Vernunft und Religion, Freiburg i. Br. 2005.   

[17]Vgl. J. Habermas, Zwischen Naturalismus und Religion. Philosophische Aufsätze, Frankfurt a.M. 2005, bes. 116-118; ders., Glauben und Wissen, Frankfurt a.M. 2001.   

[18]Das Thema wurde aufgegriffen von den Salzburger Hochschulwochen 2006: G. M. Hoff, Gott im Kommen, Innsbruck-Wien 2006.   

[19] M. Weber, Wissenschaft als Beruf, in: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, 4. Auflage, Tübingen 1973, 605.   

[20]Vgl. P. Valadier, Europa und seine Götter. Eine kritische Gegenwartsanalyse, in: P. Hünermann (Hrsg.), Gott – ein Fremder in unserem Haus, 15-29.   

[21]Dieses Problem hat schon Papst Johannes Paul II. in der Enzyklika "Fides et ratio" (1998) aufgegriffen, Papst Benedikt XVI. hat das Thema in seiner Regensburger Vorlesung beherzt weitergeführt: Glaube und Vernunft. Kommentiert von G. Schwan, A. Th. Khoury, K. Lehmann, Freiburg i. Br. 2007.   

[22] Hier liegt die Bedeutung des Buches von Papst Benedikt XVI. "Jesus von Nazareth", Freiburg i. Br. 2007.    

[23]W. Kasper (Hrsg.), Einführung in den katholischen Erwachsenenkatechismus, Düsseldorf 1985.   

[24]W. Kasper, Diener der Freude. Priesterliche Existenz – priesterlicher Dienst, Freiburg i. Br. 2007, 143-150.   

[25]W. Kasper, Wegweiser Ökumene und Spiritualität, Freiburg i. Br. 2007.   

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     Das Benefizkonzert der Stiftung für interkulturellen Dialog und Religion, AGORA, die Dialoginitiativen des Missionswissenschaftlichen Instituts im Libanon unterstützt, stand unter dem gehaltvollen Titel Orient-Okzident und war mit mehr als 500 Gästen ein großer Erfolg. In Anwesenheit des Aachener Bischofs Heinrich Mussinghoff, des Bamberger Erzbischofs Ludwig Schick und von Weihbischof Johannes Bündgens machte Kardinal Kasper, der Schirmherr der Stiftung AGORA, eindringlich auf die bedrückende Situation im Libanon aufmerksam: "Der Frieden braucht das Gespräch, den Abbau von Angst und die Überwindung von Vorurteilen. Das MWI möchte einen Beitrag leisten, damit Dialog entsteht und Religionen miteinander leben. So kann das MWI Brückenbauer sein - ebenso wie die Musik, mit der Menschen über Sprachbarrieren hinweg Freundschaften entwickeln können".     

Neben seinem Grußwort an die Zuhörer dieses Benefizkonzerts hielt Kardinal Kasper am Abend des 4. Juni einen vielbeachteten Festvortrag in der RWTH Aachen zum Thema "Neuvangelisierung Europas".    

Der Libanon gilt als Laboratorium des interreligiösen und interkulturellen Dialogs. Mit dem Erlös des Konzerts wird das MWI das Studium der Libanesin Rouala Talhouk finanzieren. Frau Talhouk ist Studentin an der Universität Saint Joseph und promoviert über das Zusammenleben schiitscher und maronitisch-katholischer Gemeinschaften im Libanon. Das Doktorat ist auf drei Jahre angelegt und beginnt im September dieses Jahres.       

Der bekannte Aachener Kammerchor  wusste mit einem gut ausgewählten Repertoire sein Publikum zu begeistern. Den Höhepunkt des Konzerts   mit Werken von Johann Sebastian Bach, Salomone Rossi, Michael Tippett und Arvo Pärt bildete die Misa Criolla von Ariel Ramírez - eine folkloristische Messe aus Lateinamerika, die international große Bekanntheit und Beliebtheit erlangt hat.       

 

   

     

    
                

     

Weitere Informationen:
  
AGORA Benefizkonzert für den Libanon (3. Juni 2007)
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