Diese Ausgabe von chakana fällt in eine Zeit, in der sich in einem weiter gewordenen Europa die Frage nach der Relevanz des Christentums neu stellt. Grenzen fallen – nicht nur in Europa. Innerhalb eines einzigen Landes oder eines einzelnen Lebens gehen oft unterschiedliche Kulturen und Traditionen, Religionen und Symbolsysteme ineinander über – ohne Grenzzäune und bewachte Übergänge. Viele Menschen stillen ihren spirituellen oder religiösen Durst grenzüberschreitend aus verschiedenen Brunnen. "Synkretistisch glauben?", liegt hier der Hinweis auf eine "neue Verzauberung der westlichen Welt" (Robert Schreiter)? Die von christlicher Mission und Kolonialgeschichte geprägten Länder des Südens haben andere Erfahrungen mit diesem Phänomen. In Brasilien, wo es Nachfahren afrikanischer Sklaven wichtig ist, dass sie getaufte Katholiken und als solche zugleich Mitglieder einer afro-brasilianischen Kultgemeinschaft sind, ist der afro-katholische Synkretismus die Antwort der Schwarzen auf die zerstörerischen Kräfte der Versklavung – eine Antwort, die zum Weg der Befreiung wurde (Sergio Sezino Douets Vasconcelos). Für indische Christen bleibt der Hinduismus eine geistige Heimat; ihre Verwurzelung in beiden Traditionen führt dazu, dass diese in kreativer Interaktion gehalten werden (Michael Amaladoss, S.J.). Auch in Afrika entsprechen die synkretistischen Bewegungen einem tiefen Bedürfnis, die Lebenschancen zu vermehren (Ntima Nkanza, S.J.). Die Kraft zu einer Verbindung verschiedener religiöser Traditionen – wie Melodien, die sich überlagern und doch getrennt bleiben, obwohl jede die andere verändert – ist eher im Süden der Welt zu finden. Eine solche Verbindung macht jedoch Angst. Dann spricht man von "Synkretismus" meistens in negativem Sinn. Welche Theologie ist es aber, die eine solche Verwendung begründet? Ist der Glaubensakt selbst nicht immer schon "synkretistisch"? Zentrale Fragen kommen in Fluss und ziehen andere nach sich. Wahrheit und Identität erfordern neue Bestimmungen. "Synkretistisch glauben?", die verschiedenen Beiträge im "Focus" dieser Ausgabe von chakana lassen eher die Dringlichkeit der Frage erkennen, als dass sie Antworten geben: Herausforderung für eine sich kontextualisierende theologische Forschung. Hadwig Müller |