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Christliche Identität
Individualisierung und Subjektivierung als Chance
Auf dieser Seite finden Sie:
  • Einleitung
  • Individualisierung
  • Subjektivierung
  • De-Institutionalisierung und Pluralisierung
  • Ich werden und Christ werden
  • Forschungsthema "Identität"
  • Einleitung


    Eine „kontextuelle“ Theologie, die auf die Herausforderungen ihrer Zeit, ihrer gesellschaftlichen Bedingungen hört und antwortet, wird als erstes diese Realität zu beschreiben versuchen.



    Der gesellschaftliche und kirchliche Kontext ist so komplex, das viele Blickrichtungen und Disziplinen zusammen kommen müssen, um ein einigermaßen vollständiges Bild zu liefern. Wichtige Teilaspekte der Situation können allerdings benannt werden.





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    Individualisierung


    In einem langen Prozess der Kulturgeschichte haben sich Lebensbereiche, die zuvor von der Religion zusammengehalten wurden Kunst, Wissenschaft, Politik, Recht, Moral von ihren religiösen Grundlagen gelöst. Die Religion garantiert nicht mehr die Einheit dieser Lebensbereiche. Ihre Verselbständigung hat grundlegende Auswirkungen für die Identitätsbildung.

    Die einzelnen erfahren nun ihr Ich als aufgeteilt in verschiedene Bereiche und Rollen:hier die privaten Beziehungen und ihre Ansprüche, dort der Beruf mit oft ganz anderen Verhaltenserwartungen und Richtlinien, dort die Verpflichtungen als Bewohner dieser Stadt, als Bürgerin dieses Staates.

    Für welchen Bereich gelten meine inneren Normen? Für welchen gilt nur meine äußere Anpassung? Wo gilt meine religiöse Orientierung? Wo hat das Evangelium etwas zu sagen wenn überhaupt? Wo bin ich ganz ich? Wie wird meine eigene innere Einheit, die in Stücke zu zerfallen droht, gesichert? Gibt es dafür eine Instanz, welche ist es?

    Das Individuum allein muss in der Vielfalt der auseinander strebenden Bereiche seines Lebens eine Einheit entdecken, indem es ihnen einen verbindenden Sinn gibt. Darin liegt seine nie da gewesene Bedeutung. Ich zitiere den französischen Soziologen Jean-Marie Donegani: Das Zentrum der modernen Gesellschaft ist die einigende Kraft des Individuums; es ist allein das Individuum, das aufgerufen ist, seinen vielfältigen Rollen, Plänen und Erfahrungen einen einheitlichen Sinn zu geben.

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    Subjektivierung


    Die Zugehörigkeit zu einer Religion und zu ihren Institutionen wurde früher von diesen religiösen Institutionen bestimmt, bevor das Individuum ich sagen konnte.

    Die religiöse oder nicht religiöse Identität wird heute immer weniger durch eine Institution bestimmt, und immer mehr durch jeden einzelnen Menschen selber.

    Ist Religion also reine Privatangelegenheit? Das wäre eine vorschnelle Folgerung. Religion wird zunächst einfach nur zur eigenen Sache und damit auch zur Sache eigener Entscheidung gemacht! Das einzelne Subjekt übernimmt die Verantwortung für seine religiöse Ausrichtung und dafür, wie sie sich im öffentlichen Bereich auswirken soll.

    Der oder die einzelne macht sich das, was bisher ein nicht hinterfragtes Erbe war, zu eigen: hinterfragt es also oder verzichtet einfach darauf oder macht sich die Mühe, es genau anzusehen, seine Last und seinen Reichtum abzuwägen, um es dann sozusagen in den eigenen Besitz zu übernehmen, nämlich in eine in der ersten Person gemachten Aussage. Ich bin Christin, ich bin Christ.

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    De-Institutionalisierung und Pluralisierung


    Die Individualisierung oder Subjektivierung im Verhältnis zur Religion geht zusammen mit einer Loslösung von den Institutionen. Das Subjekt ist die letzte Autorität, nicht die Institution, zum Beispiel die Kirche. Wenn bisher die Kirche definiert hatte, was einen Christen ausmacht – sei dies der sonntägliche Gottesdienstbesuch oder der Sakramentenempfang – so unterliegen diese Kriterien jetzt der Beurteilung eines jeden einzelnen. Sie müssen gleichsam die Zensur des einzelnen Subjekts passieren.
     
     

    Das führt dazu, dass der Katholizismus selber keineswegs mehr der einheitliche Block ist, als der er früher erschien. Er gilt den meisten vielmehr als ein offenes Erbe vielfältiger Bedeutungen und Werte, aus dem man in aller Freiheit schöpfen kann, um die Einheit seines eigenen Lebens aufzubauen. Diejenigen Glaubensinhalte werden ausgewählt, die für die persönliche Verwirklichung, die Betätigung der eigenen Freiheit hilfreich zu sein scheinen.   





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    Ich werden und Christ werden


    Diesen Zusammenhang erzählt eine Geschichte der Frommen in Israel folgendermaßen: Mosche, der sein Leben lang versucht hatte, den Willen Gottes zu tun, wird zu seinem Erstaunen nach seinem Tod von Gott nicht gefragt, was er getan habe, sondern ob er Mosche war.
    Christ werden im Dienst des Ich-werdens?
     
     



    „Die Herausforderung für die westlichen modernen Menschen besteht nicht darin, zu engagierten Sozialakteuren zu werden, sondern ein Subjekt zu sein, dass sich aufrecht hält und zum Autor seines eigenen Lebens wird.“ (Aus dem Gespräch zwischen europäischen und lateinamerikanischen Theologinnen und Theologen):
    Was kann Religion, christlicher Glaube zur Selbständigkeit und Festigkeit des Ich beitragen?
     
     

    Christsein hat heute weniger damit zu tun, dass man in eine Kirche hineingeboren wird, zu der man gehört, ob man will oder nicht. Es sei denn, die Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft wurde durch eigene Identifizierungsprozesse angeeignet.
    Ich-werden im Dienst des Christseins?
     
     



    Jeder und jede arbeitet daran, in seinem Leben und auch seinen Anschauungen, seinem Glauben, eine innere Kohärenz aufzubauen und zu erhalten. Das geschieht in der Auseinandersetzung mit anderen, in Beziehungen, in Gesprächen. Gerade christliche Identität ist vor allem eine narrative Identität. Das persönliche Zeugnis bekommt zunehmende Bedeutung. Die Echtheit, mit der einer oder eine den eigenen Lebens- und Glaubensweg zu gehen und zu erzählen vermag, wiegt weit mehr als der Wahrheitsanspruch, mit dem eine Institution ihre Tradition verkündet. Das Besondere, Unterscheidende wird wichtiger als Einheitlichkeit und Gleichförmigkeit.
    Welche Anfragen ergeben sich daraus für Gemeinden und Kirchen? 





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    Forschungsthema "Identität"


    Fragen, die um das Thema „Identität“ kreisen, haben sich in vielen  Dialogprozessen immer deutlicher herausgestellt.
     
     

    Was baut Identitäten auf – was hilft leben und Verantwortung im Leben übernehmen? Das sind Fragen, die keineswegs nur in Europa oder der westlichen Welt, die „keine anderen Sorgen hat“, gestellt werden. Bei Menschen, die auf den Straßen der Megastadt São Paulo zu überleben versuchen und meistens nicht nur Wohnung und Arbeit, sondern vor allem ihre Zugehörigkeit zu einer Familie und Gruppe verloren haben, setzen sich engagierte Mitmenschen zuerst dafür ein, dass die vielfach "Zerbrochenen" Räume finden, in denen sie ihre individuelle Identität und Geschichte rekonstruieren können, um auf dieser Basis auch ihre Zukunft neu zu entwerfen.   

    Im Zusammenhang der weltweiten, vielfältigen  Migrationsbewegungen stellen sich diese Fragen vermehrt. "Religiöse Identität und Migration": So wurde das Thema des diesjährigen  Wissenschaftspreises des MWI ausgeschrieben.   

    Aber auch für ein Europa, das auf der Suche nach seiner Gestalt ist, das die Bedeutung seiner christlicher Geschichte nicht leugnen kann noch will, aber eben diese Geschichte zur Grundlage einer solidarischen Offenheit für die „anderen“, machen will, stellt sich die Frage: „Identität in Solidarität. Christlicher Glaube – ein Ferment für Europa?“ Die Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologinnen und Pastoraltheologen veranstaltet dazu einen Kongress vom 22. bis 25. September.   





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